Wir haben uns eine zweite Welt geschaffen, außerhalb unseres eigenen Ichs, die digitale Welt aus Bits und Bytes. Aber das interessiert uns nicht mehr. Es funktioniert. Der internet-normierte Mensch, wir nennen ihn Fluid, tut nach Watzlawick alles, um “nicht nicht zu kommunizieren”. Wir lassen ein zweites Ich auf die Menschheit los, das sich durch unsere Online-Arbeit mit digitalem Leben füllt. Wir befüllen die “Maschine” Internet mit unseren Daten. Dabei lernen wir, die Maschine zu bedienen ohne dabei die Algorithmen zu verstehen. So handeln wir auch im Internet, besonders in Social Media. Die Maschine wird unser Lebensraum. Wir haben uns verlängert um das Internet. Die Hülle des Menschen, die ihn überall hin mit verfolgt. Schleichend, und ohne dass wir es uns bewusst sind, haben uns Maschinen die Arbeit abgenommen, aber auch die Arbeitswilligen zusammen gebracht. Crowdsourcing – die Verteilung der Aufgaben ins Netz ist heute für die fluiden Nutzer selbstverständlich.


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Wie immer im Leben müssen wir zwischen dem Eigenbild und dem Fremdbild unterscheiden. Das Eigenbild ist ein Abbild dessen, was wir in uns und um uns herum erblicken, alles, was wir uns geschaffen haben, um zu die Persönlichkeit zu werden, die wir sind. Das Netz kategorisiert uns, und wir helfen ihm dabei (z.B. Klout.com). In jeder Form der Kommunikation argumentieren wir von diesem Eigenbild aus, wir können gar nicht anders. In der direkten Kommunikation “face-to-face”, erkennen wir die Reaktionen auf das was wir sagen, was wir sind und können reagieren, wenn wir missverstanden werden. In der digitalen Welt haben wir keinerlei Kontrolle mehr über das, was von uns wahrgenommen wird. Nur lange Gespräche können Menschen menschlich machen. Je mehr wir über uns schreiben, desto vielfältiger werden die Interpretationsmöglichkeiten, die wir anderen über unsere Person anbieten. Die von uns freiwillige jedoch unkontrollierte sowie fragmentierte Datenfreigaben, können ein falsches Bild entstehen lassen. Die Reflexion der Menschen wird fluid. Hierbei entstehen kaum noch Geschichten. Aus der Selbstbestimmung in der realen Welt wird die Fremdbestimmung durch die digitale Welt. Und dabei sind wir vollkommen verliebt in die Nutzbarkeit von Apps auf Glasscheiben.

Wir können gar nicht mehr Herr unserer Kommunikation sein, weil alles, was wir in die digitale Welt via Twitter, Blogs, etc hinaussenden, in seiner Fülle nicht mehr beherrschbar ist. Wir können nichts mehr erklären, klarstellen oder gar rückgängig machen, wenn wir den Tweet erst einmal in die digitale Welt hinaus gelassen haben. Wir müssen dann mit vielen Antworten darauf leben, die zeigen, dass das Gemeinte und das Verstandene weit auseinander gehen. Manche groben Ungenauigkeiten in der Beschreibung lassen sich korrigieren, doch es fehlt die Zeit, alles so klar und konkret zu “sagen”, dass das Eigenbild auch als Fremdbild wahrgenommen werden kann. Es fehlt die Kommunikation im Sinne von Wikipedia: Kommunikation stammt aus dem Lateinischen communicare und bedeutet „teilen, mitteilen, teilnehmen lassen; gemeinsam machen, vereinigen“, Hervorhebungen von mir) In Twitter laufen jetzt über 200 Millionen Botschaften an einem Tag. Das sind über 100 Millionen parallel verlaufende Kommunikationsstränge, von denen die meisten eine “Einweg-Kommunikation” darstellen, ohne “verbindendes Element”, wie in der Definition von “Kommunikation” gefordert. Das als Beispiel für “gemeinsam machen”. Es werden aber auch 200 Millionen „Copyright fähige“ Veröffentlichungen pro Tag versendet. Wir sind nun alle Schöpfer.

Social Media hat die Langeweile getötet. Denn wir haben uns ein Paralleluniversum geschaffen, in dem wir außerhalb unseres eigenen Ichs präsent sein müssen, um uns im digitalen Strom behaupten zu können. Wir haben das Bestreben, das Eigenbild im Fremdbild, in der Wahrnehmung anderer aufgehen zu lassen, jeden Tweet als Steinchen unseres Persönlichkeitsmosaiks zu setzen. Das Wort “Langeweile” wird immer mehr aus dem Sprachschatz der fluiden Nutzern verbannt, denn diese immerhin selbstbestimmte Phase des täglichen Lebens wird ersetzt durch hektische Betriebsamkeit bei der Darstellung unseres Selbst. Wir werden Teil einer Maschinerie, die auf Vervollständigung, Transparenz, Effizienzstreben und Erfolg ausgelegt ist. Von uns wird der bisher nur für die Verfügbarkeit von Maschinen definierte 24 / 7 Kodex erwartet, der für Menschen naturbedingt gar nicht gelten kann, weil der Mensch Ruhe- und Regenerationsphasen zum körperlichen wie psychischen Überleben braucht. Aber diese Ruhe gönnen wir uns nicht. Auch der denkende Mensch ist nicht mehr frei. Jede freie Minute und jeder Gedankengang führt zum Handy. Es wird überprüft, mitgeteilt und mitgewirkt. Wir werden den Maschinen immer ähnlicher, Maschinen kennen keine Langeweile.

Dabei kann Langeweile der Antrieb für Kreativität sein, indem wir in solchen Momenten einmal nicht der Fremdbestimmung durch die digitale Welt folgen, sondern auch einmal die aus der Langeweile auftauchenden Gedanken zulassen, die sonst keine Chance haben, wahrgenommen zu werden, weil sie in der hektischen Betriebsamkeit untergehen. Mit Sicherheit ist Langeweile Selbstbestimmung, denn in diesem Moment kann ich mich auf mich und meine eigenen Bedürfnisse konzentrieren.

Früher habe ich für einige Momente auch einmal bei Regen aus dem Fenster geschaut, einfach so, ohne etwas zu denken oder zu tun. Vielleicht ein Weg zurück zur Selbstbestimmung?



  1. ugur demirbas

    ich denke es stimmt, dass Langeweile menschen dazu antreibt kreativ zu werden, denn wenn man Langeweile als Notstand sieht kann man sagen “Not macht erfinderisch”.

    Auf der anderen Seite wiederum kann das Internet und unser Geist, welcher in einem Virtuellen Körper steckt auch von anderen Einflüssen kreativ gefördert werden. Durch neue Eindrücke enstehen neue Gedanken welche zu neuen Ideen führen … und man kann schon fast mit Sicherheit sagen, dass der ONLINER die Langeweile fast besiegt hat, denn durch die Anwesenheit in der realen und virtuellen Welt bleibt der Langeweile kein Platz…

    toller Artikel der wird gleich “geshared”

    • Hi Ibo!

      Wie immer ein sehr schöner Artikel – kann dem Herren Ugur Demirbas eigentlich nur zustimmen. Sobald die Langeweile einen überholt, ist man erfinderisch – das beste Beispiel ist da nun einmal das Internet.

      Wie bist Du zu dem geworden was Du bist Ibo? Du sagtest selbst mal in einem Interview, dass dich das Internet geschaffen hat. :-)

      Gruß



    • Ibo

      Ich gebe euch beiden recht. Die Ruhepausen braucht der Mensch, und dabei ab und zu Langeweile zu spüren ist sicherlich gesund.

  2. Interessant, dass du als Berufsonliner die Schattenseiten unseres digitalen Wandels beleuchtest. ich meine fast aus den Zeilen heraus zu lesen, dass es dir genau so geht wie mir und vielen anderen, die “always on ” sind. Es ist Segen und Fluch zugleich. Die Freiheit, fast immer und überall auf gesammeltes Wissen zurückgreifen zu können bedeutet auf der anderen Seite auch der Verlust der Eigenständigkeit. Wir orientieren uns nicht mehr, lassen das gps-gesteuerte Smartphone übernehmen. Insofern kann ich deinen Satz “Wir werden den Maschinen immer ähnlicher” auch bejahen. Aber ich glaube nicht, dass wir im Internet “ein zweites Ich auf die Menschheit loslassen.” Ich denke, dass auch das ein Teil unseres Ichs ist. Wir suchen Bestätigung. Das ist menschlich. Langeweile gibt es nicht mehr, da hast du recht. Das kann man allerdings auch positiv sehen, wie ich in einem Blogpost vor einiger Zeit beschreiben habe (in dem es übrigens auch um einen Spruch von dir geht;) http://gabrealness.posterous.com/5-dinge-die-ich-im-leben-noch-vorhabe



    • Ibo

      Lieber Gabriel, vielen herzlichen Dank für die Erwähnung bei Dir auf der Seite. Das lese ich gerne :)