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iPad – Apple wird der Großverlag der Welt

Ein Artikel von mir in der F.A.Z. vom 29. Januar 2010 – Zum Artikel

Apple auf dem Weg zum Großverleger: das iPad mit dem Gesicht der “New York Times”

Der Mensch hat sich einen neuen Lebensraum erobert: die digitale Welt, in der es keinen Unterschied macht, welchen Idealen man folgt, welcher Herkunft man ist oder welches Bildungsniveau man hat. In meinem beruflichen Werdegang habe ich sehr oft neue Wege beschritten, die digitale Welt erforscht, um diejenigen, die diese Welt nutzen wollen, auf Gefahren hinzuweisen, aber besonders, die Chancen aufzuzeigen, die sie für alle bietet. Meine persönlichen Erfahrungen im Umgang mit dem Internet – gerade in der letzten Zeit – zeigen, dass die Medienkompetenz in Sachen Internet in Deutschland dem Stand der globalen digitalen Welt nicht gerecht wird.

Die Tatsache, dass heute mittels Computerunterstützung manches Handwerk zu einem „Digitalwerk“ geworden ist, wird bei uns noch immer nicht erkannt. Die Menschen – zumindest die Onliner – finden ein zweites Zuhause im Internet, in dem sie sich informieren und unterhalten lassen. Dabei muss uns aber klar sein, dass wir uns den Regeln der digitalen Supermächte wie Google, Amazon, Facebook, Microsoft und natürlich Apple unterwerfen.

Bruttogewinnspanne von Apple Computer Inc. von 2005 bis 2010 nach Quartalen

Durch das iPhone hat sich nicht nur ein neuartiger Mobilfunkmarkt, sondern ein echtes mobiles Internet und ein ganz neues Verhalten in der Software-Nutzung ergeben. Mit einem einzigen Mausklick wird die Software auf das Gerät geladen und installiert sich von selbst, abgerechnet wird per Kredit- oder Gutscheinkarte. Mit der Kombination eines äußerst leistungsfähigen Shops für Musik, Videos und Software hat Apple schon vor der Einführung des iPads die Grundlage für eine schnelle Verbreitung des neuen Produkts gelegt. Die Kaufabwicklung kennen die 125 Millionen Apple-Kunden schon, sie zählt zu den einfachsten im Internet. Auf diese Weise hat Apple 2009 mehr als fünfzig Milliarden Dollar umgesetzt. Es ist leicht zu ermessen, welche Marktmacht Apple im Bereich Software für mobile Endgeräte aufgebaut hat.

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Apple iPad

Bildquelle: http://www.apple.com (alle Rechte liegen bei Apple)

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Das Prinzip Selbstvermarktung

Wie aber werden die neuen iPad-Anwendungen aussehen, wer entwickelt sie? Um diese Frage zu beantworten, muss man das Internet global betrachten. Die Vernetzung der Menschen schreitet unaufhaltsam voran, Social Networks ermöglichen die Selbstvermarktung von Journalisten in einem ganz neuen Umfeld mit ganz neuen Möglichkeiten. Aus dem einzelnen Twitter-Account oder dem Blog eines Journalisten wird eine Eigenvermarktungsplattform. Ist eine gute Reputation erst einmal geschaffen, gelingt es leicht, die Leser auch als einzelner Journalist – ohne den Umweg über Gatekeeper und Verlage – über den neuen Apple-iBook-Store zu erreichen. Ich denke, dass Apple den Verlagen und Journalisten die Möglichkeit geben wird, ihre eigenen Produkte zu erstellen. Dank der multimedialen Fähigkeiten des iPads werden Bilder, Videos und Musik mit den Texten zusammenwachsen. Der Kombination aller bisher bekannten Medien in der Darstellung auf einem einzigen Gerät sind keine Grenzen mehr gesetzt, alles kann auf dem iPad erscheinen; alles eine Frage der Software, die Apple in Perfektion beherrscht.

Apple hat es verstanden, die gesamte Wertschöpfungskette in ihre Produktstrategie einzuschließen und zu kontrollieren. Sie haben die Kunden, beherrschen die Abrechnung, die Softwarebasis und ein weltweites Vertriebssystem. Apple muss nur noch die Kreativität der Menschen herausfordern, um damit Umsatz zu machen. Und auch das gelingt Apple üblicherweise außerordentlich gut. Mit diesem Megastore im Hintergrund könnte Apple mit seinem iPad schnell zum größten Verleger der Welt werden.

Das Apple iPad wird sehr bald auch auf dem deutschen Markt erscheinen. Dann wird sich vor allem zeigen, ob die deutschen Verlage reif für die neue Technik sind. Das iPad mit seinen besonderen Chancen wird für sie zur Nagelprobe.

Die große Entmaterialisierung

Wer an diesem neuen Markt teilhaben will, muss jedoch die Zusammenhänge in der digitalen Welt verstehen. Die Verbreitung von Nachrichten werden die neuen Geräte wie das iPad selbst übernehmen. Also wäre es falsch, im iPad einen weiteren, schicken eBook-Reader zu sehen. Apple nimmt den ganzen Markt der Unterhaltung und Information ins Visier, Nachrichten inklusive. Wer Apple und die Stärke seines Megastores unterschätzt, verliert schnell den Anschluss an die digitale Welt. Hinzu kommt, dass das iPad die gleiche Größe hat wie das Amazon Kindle – eine durchaus beachtenswerte Nebensächlichkeit, dass zwei digitale Supermächte in einem Produktdetail einer Meinung sind.

Die Digitalisierung von Büchern durch Google gibt im Vergleich zu den mit dem iPad verbundenen Entwicklungen nur einen kleinen Vorgeschmack auf das, was uns erwartet: Jetzt geht es einer digitalen Supermacht nicht mehr um das fertige Produkt, um ein erschienenes Buch, also die Vergangenheit. Jetzt geht es um die Gegenwart und die Zukunft, um alle gedruckten Medien, die sich entmaterialisiert in der digitalen Welt wiederfinden – auf einem iPad.

Der neue Gatekeeper

Die „New York Times“ ist eine Kooperation mit Apple eingegangen. Da muss man sich fragen, ob die deutschen Verlage eine Antwort auf die Herausforderung ihres Kerngeschäfts durch das iPad haben. Es geht nicht mehr um die Frage, wie man Online-Gratisangebote vermarktet, es geht um alles. Dieses Gerät lässt den Nutzer jede Information an jedem Ort zu jeder Zeit lesen – frisch aus dem Apple iBookStore, nicht vom Kiosk um die Ecke. Es müssen schleunigst Online-Angebote der Verlage her, denn jetzt besteht – bei einer weiten Verbreitung des iPads – die Möglichkeit, die Inhalte gegen ein – wenn auch um den Apple-Anteil vermindertes – Entgelt für den Qualitätsjournalismus zu erheben. Apple ist der neue Gatekeeper. Fraglich ist, ob das Presse-Grosso-System noch eine Zukunft hat.

Die Gesellschaft hat sich durch den im Internet angebotenen Service schon stark verändert. Bevor das iPhone kam, schien es undenkbar, dass man sich als Handybesitzer Software herunterlädt. Software und ihre Installation waren vielen ein Greuel, jetzt lernen wir, dass uns Apps das Leben erleichtern. Die Maschinen erobern die Aufmerksamkeit der Menschen – und die haben ihre Handys immer bei sich, um keine Informationen zu verpassen. Apple bringt uns das Internet durch komfortable Bedienung und besten Service noch näher durch funktionale und schöne Geräte. Wer die Menschen so begeistern kann, wird das Internet als digitale Supermacht beherrschen.

Apple ist eine Supermacht mit ganz eigenen Regeln, so wie auch Google und Amazon. Das Zeitalter des digitalen Imperialismus hat begonnen.

Die spontane digitale Evolution

Von Informationen überflutet werden wir nur, wenn wir keine Strategien entwickeln, die uns Selbstbestimmung in der digitalen Welt ermöglichen. Essay.

Es ist zu einfach, der digitalen Welt oder gar den digitalen Supermächten die Schuld daran zu geben, dass wir mit Informationen überflutet werden. Das ist nur die halbe Wahrheit, denn wir sind schließlich keine Subjekte, mit denen etwas “gemacht wird”, wir sind immer noch Menschen, die sich durch alle Zeiten hindurch ständig an neue Herausforderungen anpassen mussten. Ob es die Einführung von Dampfmaschinen, die Erfindung von Automobilen oder “die moderne Datenverarbeitung” der 70er und 80er Jahre war, immer musste der Mensch auch geistig seinem eigenen Fortschritt folgen.

Im 19. Jahrhundert wurde – auch von Ärzten – vermutet, dass kein Mensch Eisenbahnfahrten mit mehr als 30 Stundenkilometern überleben könne, man ging davon aus, dass es wenigstens zu Geistesstörungen kommen würde. Wenige Jahre später überlebten es die Bahnreisenden dennoch, ihre Köpfe bei der doppelten Geschwindigkeit aus den offenen Fenstern der Züge herauszuhalten. Die Lebensumstände des Menschen haben sich immer schon und in unterschiedlich starkem Ausmaß geändert, immer schon war der Mensch darauf angewiesen, sich den geänderten Bedingungen anzupassen. Blicken wir uns um: Bisher hat die Anpassung noch immer funktioniert.

Der Mensch hat sich in seinem Aussehen und seinen existenziellen Bedürfnissen in den letzten tausend Jahren nicht wesentlich verändert, aber die Anforderungen, die die Umwelt stellt, haben sich dramatisch verändert. Früher waren es die Werkzeuge, die er in seinen Händen hielt, heute ist mittels Computerunterstützung so manches “Hand”werk zu einem “Digital”werk geworden. Diese dramatischen Veränderungen gleichen einem neuen Evolutionsschritt, vor dem wir stehen.

Beim einem solchen digitalen Evolutionsschritt geht es natürlich nicht um die Veränderung vererbbarer Merkmale, sondern um Verhaltensänderungen, die durch eine sich rasant entwickelnde – in diesem Falle – digitale Umwelt ausgelöst werden. Sie bestehen zum Beispiel darin, dass man sein Handy oder Smartphone immer bei sich haben “muss”, um sich nicht von der Kommunikation abgeschnitten zu fühlen und keinen Zugriff mehr auf die Informationen im Internet zu haben; besonders dann wenn man diese Informationen beruflich oder privat nutzen muss. Solche neuentwickelten Muster werden nicht in den Genen, sondern im Verhalten der Menschen kodiert. Ich nenne solche Muster Fixierungscode.

Die Leistungsfähigkeit und die kreativen Möglichkeiten des Menschen werden durch die Möglichkeiten der Computer und des Internets enorm erweitert, indem der Zugriff auf Informationen und Wissen in beinahe unbegrenztem Maße verfügbar ist. Aus genau diesem Grund muss der Mensch die Kontrolle über sich und die Technik behalten. Dazu gehört auch, sich nicht bedingungs- und gedankenlos der Technik auszuliefern. Wem heutzutage sein Handy oder der Laptop abhanden kommt, mag geradezu einen virtuellen Amputationsschmerz verspüren. Ich könnte mir tatsächlich vorstellen, dass man die Auswirkungen eines solchen Verlustes in Zukunft als “psychischen Amputationsschmerz” einstufen wird, denn der Verlust des Gerätes, der darauf befindlichen Daten und der Kommunikationsfähigkeit trifft den digitalen Menschen besonders hart, weil er damit den Zugang zu “seiner Welt” verliert.

Es mag uns beunruhigen oder nicht, aber wie in allen Zeiten rasanten Fortschritts stehen wir auch in unserer Zeit ganz neuen Anforderungen gegenüber. Die vordigitalen Verhaltensmuster reichen im digitalen Zeitalter nicht mehr aus. Die Informationen, die das Internet bietet, sind ein ungeheurer Wissenszuwachs – doch das unüberschaubare Informationsangebot macht es auch erforderlich, neue (Datenverarbeitungs-)Strukturen und Strategien zu entwickeln. Resignation oder die Angst vor “zu schnellem Eisenbahnfahren” bringt uns an dieser Stelle nicht weiter.

Der Mensch soll sich nicht in der Maschine auflösen, sondern die Maschinen sinnvoll und verantwortungsbewusst in sein Leben integrieren, um es zu bereichern. Es geht dabei nicht darum, Informationen möglichst schnell zu erlangen. Die Information als solche bietet keinen Vorteil, solange der Mensch, der diese Information für sich erschließt, nicht auch mit der weiteren Informationsverarbeitung umgehen kann.

Es geht auch nicht darum, möglichst viele Informationen aufzunehmen. Es geht darum, Ideen zu entwickeln, die uns in unserer Entwicklung weiterbringen. Wir können schöpferisch tätig werden, wir müssen es aber nicht. Das ist ein wichtiger Bestandteil der digitalen Selbstbestimmung, die schon damit beginnt, ob man überhaupt am digitalen Leben teilhaben will oder nicht. Wenn wir aber unsere Selbstbestimmung auch in der digitalen Welt in Anspruch nehmen wollen, braucht es dafür Strategien.

Der Tisch ist für alle gedeckt, alle möglichen und unmöglichen, wichtigen wie unwichtigen Informationen liegen für uns bereit. Wir haben die freie Wahl, uns das zu nehmen, was uns voranbringt. Es liegt an jedem Einzelnen, wie weit er sich mit welchen Strategien und Zielsetzungen in die digitale Welt hineinwagt. Die digitale Selbstbestimmung wird in naher Zukunft wohl das wichtigste Sicherheitssystem zum Schutz unserer Persönlichkeit sein.

Veröffentlich auch auf carta.info:
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