Musik Charts 2.0

Bisher wurde das Thema „Media Control“ leider noch nicht mit großen Schlagzeilen in Blogs aufgenommen, doch als ich letzten Freitag diesen interessanten Artikel von Frank Patalong auf Spiegel über die Manipulationen der Musik Charts las, wollte ich unbedingt dazu etwas schreiben.

Seit dem 23. Juli 2007 werden in den Charts von Media Control auch die digital verkauften Artikel hinzugefügt. Ich habe leider keine Info darüber, wie sie es machen. Denn bisher wurden Musik-Downloads nur dann für die Charts berücksichtigt, wenn der Titel auch auf Tonträgern erhältlich war. Was hierbei „Digital-Only-Releases“ bedeutet, habe ich nicht rausfinden können. Bislang hat die Media Control für die Ermittlung der Musikcharts die direkten Verkäufe von etwa 3000 Händlern elektronisch ermittelt. Es ist vergleichbar mit dem Panel von Magic Town Haßloch! Sehr oldschool finde ich!

Grundsätzlich jedoch werden nur noch die Umsätze für die Bewertung herangezogen, nicht wie bisher die verkauften Stückzahlen. Wenn man bedenkt, dass ein Download in der Regel 0,99 Euro bei iTunes kostet, und nicht wie im Laden knapp 5 Euro, stellt sich hier schon die Frage nach der Gleichberechtigung.

Ich sah mir darauf hin auch die CD Charts bei Media Control an: Unter den Top 100 finde ich für mich persönlich nur sehr wenige Titel, die ich bewusst erwerben würde. Vereinzelt ist dort ein Song, den ich in den letzten Wochen gekauft habe, doch der Großteil aller Titel spricht mich nicht an. Natürlich bin ich nur eine Zielgruppe von vielen und sehe durch mein persönliches Interesse an Musik den gesamten Markt aus Sicht des Unternehmers und der Künstler. Doch die Charts spiegeln nicht mehr meinen Musikgeschmack wider.

Mittlerweile bin ich eher dabei meine Lieblingstitel als eine gewaltige „All Time-Liste“ zusammenzustellen. Ich habe ausgerechnet, dass ich allein im letzten Jahr über 230 Titel bei iTunes erworben habe. Nach einer Zählung sind davon knapp 80 % ältere Songs und viele sogar aus den 70er Jahren. Repräsentieren die offiziellen Musik Charts das Gefühl einer generationsübergreifenden Gesellschaft?

Wenn man heute nach den „digital angehörten Musiktiteln“ (alle Musikvideos auf den Videoportalen, Napster, Musikdiscovery oder Pandora.com) ausgehen würden und nicht nur die „digital gekauften Musiktitel“ (z.B. in Online Stores wie bei iTunes, musicload oder mp3.com) zu Grunde zieht, zeigen die daraus resultierende Charts der insgesamt gehörten Musiktitel eine ganz andere Top 100 – dort könnte auch mal wieder „Nirvana“ auftauchen.

Ich will euch mal ein Beispiel geben:
Der Viralspot vom Film „American Gangstar“ ist mit dem Song von Bobby Womack „Across 110th Street“ untermalt. Wegen des Trailers habe ich mir kurzerhand den Song auf iTunes gekauft. Nicht nur bei mir, sondern bestimmt auch bei unzähligen anderen Menschen zeigt sich damit also ein ganz anderes Kaufverhalten, das mit dem Verkauf in Plattenläden nicht vergleichbar ist. Mit viralen Clips, die von Millionen Menschen gesehen werden, kann heute wieder ein wirklich alter Song in die Charts aufsteigen, jedoch wird dies durch Marketingmaßnahmen und PR-Aktionen in der Regel verdrängt oder in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen. Wenn man das Hörverhalten mit dem Online-Kaufverhalten stärker kombinieren und richtig messen kann, ist es doch in der heutigen Zeit total logisch, dass ich mir digitale Ware anhören und auch digital kaufen möchte. Die Frage bleibt, wie genau wird das gezählt?

Es handelt sich um eine Verschiebung unserer Werte. Ich war am Wochenende im Media Markt. Dort habe ich schnell bemerkt, dass in deren Musik-Abteilung die angesagteste Musik gut strukturiert in dem Top 100 CD-Regal für Singles und Alben zu finden ist. Andere Titel werden innerhalb der themenspezifischen Regale unter Rock, Indie oder House alphabetisch versteckt. Wenn es die künstlich erzeugten Top 100 Musik Charts nicht gibt, die trotz aller Marketingmaßnahmen im Grunde genommen als Chartliste auch nutzergenerierter Inhalt wie ein Ranking funktioniert, dann würden sich auch viele potentielle Käufer nicht davon beeinflussen lassen und sich nicht die Musik kaufen, die gerne die Musikindustrie durch Werbung wie eine Druckbeschallung auf allen Kanälen promoten möchte. Doch Werbung und Bewerbung funktioniert nach den Mechanismen der Leitung und Lenkung der Käufer. Entweder sind Preisauszeichnungen ausschlaggebend oder die Information darüber, wer was wann wo warum auch gekauft hat. Musik Charts sind demnach nichts anderes als künstliche Empfehlungslisten.

Mit dem Wegfall der Musik Charts kann es wieder möglich sein, dass Nirvana in den Top 100 Charts mit ihren alten Titeln alle paar Monate wieder Einzug hält. Schließlich kann ich die einzelne Single nicht mehr einzeln erwerben – wenn überhaupt ist das nur für Sammler oder über Restbestände möglich. Bei großen Händlern wie Mediamarkt oder Saturn findet man nur das Album und nicht wie die Single den einzelnen Song. Es handelt sich bei allen Gebahren rund um die Musik Charts, um eine Verzerrung der Zahlen bei Media Control zu Gunsten dessen, was als neues Produkt zu einem neuen Publikum gebracht werden soll.

Nur das Zusammenführen von allen Kanälen der Musik generiert tatsächliche Zahlen, die als valide Charts für das Hör- und Kaufverhalten aussagekräftig sind. Als Plattformanbieter bieten wir sogar die Funktionen wie das Tagging, Ranking und Bewerten an, um die einzelnen Inhalte eindeutig zu zählen – wenn dadurch keine verzerrten Messungen durch etwaige Manipulation stattfinden wird. Für die Musikindustrie würde es sich wieder lohnen die Künstler zu pushen, die mit ihrer Musik heute noch Millionen bewegen.

Schließlich ist es egal, ob ich mir eine CD anhöre oder auf sevenload oder youtube ein Musikvideo ansehe: Der Effekt ist vergleichbar und die Musikindustrie erhält durch die prominente Platzierung innerhalb des Musikkanals eine höhere Wertigkeit für den Inhalt, die durch die Einblendung von Werbung vor den Musikvideos sogar zusätzliche Umsätze generiert. Ebenfalls muss es das Long Tail Prinzip auch bei Musik geben. Ich kann mir kaum vorstellen, dass ich der einzige bin, der sich ältere Songs kauft, die nur noch in „Greatest Hits“ eines Künstlers erscheinen. Ich kann mir gut vorstellen, dass es diesen Monat mehrere Online-Käufer sich auch den Song von Bobby Womack gekauft haben, nur weil sie den Trailer sahen und von der Musik eindeutig angesprochen wurden. Es ist wirklich höchste Zeit, dass man über solche Maßnahmen nachdenkt, wie man den exakten Musikgeschmack und Musikkonsum der Menschen abbilden kann. Derzeit denken wir über solche Möglichkeiten intensiv nach, da wir im Prinzip auch eigene Charts als zusätzliche Dienstleistung anbieten werden – auch bald für Musik.

Es muss sich etwas ändern. Echte nutzergenerierte Charts findet man bei Last.fm – und das hat mehr Aussagekraft als eine Top 100 Liste auf Papier:

Radiohead, The Beatles, Red Hot Chili Peppers, Muse, Coldplay, Metallica, Linkin Park, Foo Fighters, The Killers, Nirvana, Pink Floyd, System of a Down, Led Zeppelin, Arctic Monkeys, Daft Punk.

Diese Charts sehe ich eher richtig an, als die offizielle Chart von Media Control. Natürlich muss sich Last.fm selbst auch noch weiterentwickeln und jedem Musikfreund weltweit bekannt werden. Doch dann kann man auch tatsächliche Größen über den Musikkonsum abbilden. Wenn alle an einem Strang ziehen und daran entwickeln, sind gewaltige Musik Charts über beispielsweise eine offene und damit offizielle API von allen bekannten Online Plattformen als Mashup, das Synonym für die Musik Charts im 21. Jahrhundert ohne jegliche Verzerrung des Marktes.

Sowohl die Musikindustrie als auch die Hörer – jeder wäre überrascht, wie lange sich Songs in den Charts wirklich halten können. Diese wären dann auch absolut zeitnah aktuell und gleichzeitig weltweit sowie regional und lokal skalierbar. Ich werde versuchen alle Kollegen für ein solches zu motivieren und sich dabei intensiv einzubringen um diese Ideen als Projekt zu realisieren – wie findet ihr diese Idee?

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