Haben und Sein – der 24 / 7 Kodex im Internet

„Haben oder Sein“ sind verdichtete Antworten auf die Fragen eines fremdbestimmten Lebensgefühl, die ich sowohl bei Meister Eckert, als auch bei Erich Fromm fand. Vom Internet „haben“, – dem reinen Konsum – sind wir zum Internet „sein“ –
Wir Onliner befinden uns – jeder für sich, aber auch alle zusammen – in einem bestimmten geschichtlichen Kontext, dem Zeitalter des Internets. Wir müssen unser Verhalten, das aus dem Identifizierungsprozess mit den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Anforderungen heraus bestimmt wird, nicht nur an den geschichtlichen Kontext, sondern auch möglichst an den herrschenden Zeitgeist anpassen, um den neuen Lebensraum, die digitale Welt auch vollständig verstehen zu können. Damit fördern wir leidenschaftlich und voller Energie in erster Linie das wirtschaftliche und gesellschaftliche System, das uns auch im Internet umgibt: Wir werden Teil einer Maschinerie, die auf Vervollständigung, Transparenz, Effizienzstreben und Erfolg ausgerichtet ist.

Diese Ziele färben auch unseren Arbeitsalltag. Aber allzu häufig vergessen wir Onliner bei allem Engagement in unserer Firma, auf Konferenzen und in Social Networks dabei, dass wir auch Menschen sind, die das volle Spektrum menschlicher Gefühle und Einstellungen in uns haben. Das Streben nach Effizienz und Erfolg erfordert eine durch und durch positive Lebenseinstellung und großen persönlichen Einsatz. Was aber geschieht mit diesen Zielen in Zeiten, in denen es uns nicht gelingt, eine „schlechte persönliche Phase“ vor der Öffentlichkeit zu verbergen? Schwächen zugeben, Fehler eingestehen, Schwierigkeiten haben, traurig sein, sich ohnmächtig fühlen, all diese menschlichen Gefühls- und Verhaltensvariationen schicken sich nicht für einen Menschen, der in der Online-Welt zu Hause ist. Sie entstammen aber dem realen Menschen in seiner realen Umweltsituation und müssten sich daher auch in seinem digitalen Leben niederschlagen. Dort aber ist kein Platz für Schwächen und Unzulänglichkeiten, dort herrscht der Erfolg des strahlenden Siegers. So bleibt dem Onliner nur, sich stets und ständig in positivem Denken zu üben und es auch online zur Schau zu stellen, sehr schnell kann es dazu kommen, dass der Onliner jeden Anflug von Schwachheit und jedes Erleben von Versagen bei sich selbst und bei anderen aus seinem Bewusstsein verdrängt. Indem er es aber aus seinem Bewusstsein verdrängt, hat es auch keine Existenzberechtigung in der digitalen Welt, die „Hygiene-Vorschriften“ des Internets, die nur das Positive und Schöne zulassen, werden wieder einmal bestätigt; auf Kosten der psychischen Hygiene des Einzelnen.

“Wir werden Teil einer Maschinerie, die auf Vervollständigung, Transparenz, Effizienzstreben und Erfolg ausgerichtet ist.“

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Diese Entwicklung betrifft nicht nur den einzelnen Onliner, sondern auch den Umgang mit allen anderen, die sich der digitalen Welt verschrieben haben. Wer sich selbst als wirklicher Onliner versteht, der fordert auch von anderen, sich immer gut zu fühlen und dies auch an jeder Stelle äußern. „Man“ hat die Menschen um sich herum interessant und inspirierend zu finden und zu allen Schwachen und Versagenden öffentlich auf Distanz zu gehen; sie aus seiner Welt ausschließen. Das ist das ungeschriebene Gesetz im Netz, mit seinen Sanktionen, die all die treffen, die sich nicht an die „Spielregeln“ halten.

“Die „Hygiene-Vorschriften“ des Internets, ist nur das Positive und Schöne zuzulassen.“

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Diese ganze Entwicklung führt schließlich dazu, dass ein ganz neuer Typus von Menschen in der Online-Welt entsteht, der „internet-normierte Mensch“, der alle oben beschriebenen Anforderungen leicht und selbstverständlich erfüllt. Mehr noch, dieser neue Typus wird für andere immer attraktiver und dadurch auch immer dominanter, weil er als „Ideal“ den anderen zum Nacheifern vorgegeben ist.

Genau diese Entwicklung ist schon zu beobachten. Es ist eben keine Modeerscheinung, die wieder abklingen wird, dieser Typus Mensch wird sich im Internet nicht nur etablieren, sondern das bestimmende Element, die Normgröße für alle nachfolgenden Generationen werden. Eine weitere Gefahr besteht natürlich darin, dass die Verhaltens-Kodierung, die Verhaltens- und Kommunikationsnormierung des Internets, in der Folge aus der digitalen Welt in die reale Welt übertragen wird. Diese Tendenzen sind in der realen Welt auch schon zu bemerken, sie haben sich aber wegen der breiten Varianz menschlichen Verhaltens hier nicht so schnell durchsetzen können, wie es in der digitalen Welt der Fall war, weil die digitale Welt ein „enger“ Lebensraum ist, der nur aus Kommunikation besteht. Schlägt aber diese Welle des neuen Menschen-Typus erst einmal aus dem Internet zurück in das reale Leben, wird diese Entwicklung sich im realen Leben beschleunigen. – Dieses gesellschaftliche Phänomen ist, bevor es ein philosophisches werden kann, erst einmal sicherlich ein weites Feld für Soziologen, Psychologen und Psychoanalytiker, die gut beraten wären, sich dieses Phänomens jetzt im Entstehen und nicht erst in einer manifestierten Phase anzunehmen.
In keiner uns bekannten Epoche der Menschheit haben Maschinen eine so umfassende und alle Lebensbereiche bestimmende Bedeutung gehabt wie heute. Maschinen vernetzen die ganze Welt und sind damit nicht nur ein Instrument der Angebots- und Nachfragesteuerung geworden, sondern zum philosophischen Nucleus der Wirtschaft und damit für viele Menschen zum sinnstiftenden Inhalt ihres Lebens

Die Maschinen sind zum grundlegend strukturierenden Prinzip in den meisten menschlichen Lebensbereichen geworden. Wir, die Nutzer der Maschinen, müssen flexibel und mobil sein, ein starkes Ego haben, gut sozialisiert und individualisiert sein. Von uns wird ebenfalls der bisher nur für die Verfügbarkeit von Maschinen definierte 24 / 7 – Kodex erwartet, der für Menschen naturbedingt gar nicht gelten kann, weil der Mensch Ruhe- und Regenerationsphasen zum körperlichen wie psychischen Überleben braucht. Wir sind dabei, die Eigenschaften der Maschinen auf uns Menschen zu übertragen, alle genannten Eigenschaften werden nach und nach zu Leitwerten des gegenwärtigen Menschen, weil sie eben unerlässliche Voraussetzungen für ein erfolgreiches Online Lebens sind.

Psychologisch gesehen bedeutet diese Orientierung an den Maschinen immer, das nicht das eigene Sein zählt, also die tatsächlichen Fähigkeiten, Eigenheiten und Bedürfnisse eines Menschen, sondern das, was sich verkaufen lässt, das was ankommt, was viel versprechend verpackt oder dargestellt ist. Es kommt nicht auf das eigene Sein eines Menschen mit all seinen Gefühlen und Gedanken an, also dem eigentlichen „Mensch-Sein“ an, sondern auf die Vorgabe, auf die bloße Inszenierung. Nicht das was faktisch gegeben ist, sondern das was erzeugt, was suggeriert werden kann, das macht erfolgreich. So führt das Online-Sein faktisch zu einer Entwertung des Seins und des authentischen Handeln eines Menschen. Diesen Mangel an Selbst-Sein und Selbst-Erleben versucht die menschliche Psyche zu kompensieren. Eine bevorzugte Kompensation wird im Haben vorgenommen, nicht im Sein. Das Haben entwickelt sich schnell zu einem „Mehr-haben-Wollen“, einer nicht endenden Spirale, die sich aber in die falsche Richtung dreht. Das Sein tritt in den Schatten, das haben steht im Licht. Ein unhaltbarer Zustand, vollkommen aus dem sensiblen Gleichgewicht des Lebens herausgeworfen kreisen die nur durch das Haben bestimmten Menschen wie Satelliten um sich selbst und ihr Hochglanz-Abbild, ihren Avatar, im Internet, ohne jeden Kontakt zur Realität, die das „Mensch-Sein“ nun einmal verlangt.

“Liebe ist nicht maschinell herstellbar, sie wird niemals ins Haben abrutschen können.“

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Die ganz persönliche Definition des individuellen Seins ist die Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben mit allen Höhen und Tiefen, die die menschliche Psyche nun einmal für ihre Weiterentwicklung braucht, denn gerade Krisen sind oftmals die Grundvoraussetzung für einen großen Schritt in der persönlichen Entwicklung. Nicht zu vergessen kann uns die menschlichste und wertvollste Fähigkeit des Menschen helfen, ge-erde-t zu bleiben: Die Fähigkeit, Liebe zu empfinden und Liebe zu schenken. Liebe ist nicht maschinell herstellbar, sie wird niemals ins Haben abrutschen können.

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Kommentare zu "Haben und Sein – der 24 / 7 Kodex im Internet"

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Thorsten 10. Mai 2010 um 19:12 Uhr (Antworten)

Ibo, mit dem Artikel sprichst Du mir aus der Seele…

realloc 10. Mai 2010 um 19:24 Uhr (Antworten)

Klasse! So einen Artikel hab ich wirklich mal gebraucht.

André 10. Mai 2010 um 19:33 Uhr (Antworten)

Hallo Ibo, ich finde den Artikel wirklich gut und spricht ein Problem an, welches in unserer Gesellschaft momentan immer stärker zu nimmt

Leben wir um zu arbeiten oder arbeiten wir um zu Leben?

Gerade dieser Satz im ersten Abschnitt zeigt
„Wir werden Teil einer Maschinerie, die auf Vervollständigung, Transparenz, Effizienzstreben und Erfolg ausgerichtet ist“
dass wohl leider der erste Satz hier zu trifft.

Du sagst es selber,

„Der Mensch darf niemals vergessen, dass er ein Mensch ist und das Leben in vollen Zügen SEIN kann.“

und sprichst mi auch damit voll aus der Seele.
Wirklich ein schöner Post, den man mit Sicherheit auch noch weiter ausarbeiten kann und den man noch kritischer betrachten sollte. Denn an manchen stellen ist er mir noch zu lieb.

Das was die Leute brauchen, denen wir solche Zeiten zu verdanken haben, müssen es klipp und klar aufgeführt sehen.

Denn es leidet nicht nur unsere Arbeit, sondern auch unser Körper. Und der ist leider nicht austauschbar ….

Aber es darf einfach nicht so sein. Maschinen kann man abschreiben, sei es nach der AfA Tabelle oder den kalkulatorischen Abschreibungen. Wir schreiben sie ab und kaufen uns wieder eine neue.
Wenn wir in Unternehmen schauen, dann passiert da zum Teil gerade das gleiche. Wir verbrauchen die guten Leute, doch was kommt dann? Anscheinend findet man immer noch gleichwertigen Ersatz, doch kann das der Sinn und Zweck sein?

Ich sage NEIN

Johannes 10. Mai 2010 um 19:35 Uhr (Antworten)

Wirklich guter Artikel. Du bringt es auf den Punkt.
Ein sich verändernder Verhaltenskodex ist in der „realen Welt“ definitiv schon zu beobachten.

Marc C. Schmidt 10. Mai 2010 um 19:38 Uhr (Antworten)

Lieber Ibo,
eine wirklich schöne Analyse, der ich in vielen Punkten zustimme. Ich denke aber, dass Deine (richtigen) Beobachtungen sich nicht auf die Onlinewelt beschränken, sondern eine generelle Tendenz im Arbeitsleben ist.

Unsere Wirtschaftssysteme haben schon vor langer Zeit ihr Ziel aufgegeben, der Menschheit zu dienen – inzwischen ist es umgekehrt: Die Gewinnmaximierung ist oberstes Gebot und diesem wird alles, zum Beispiel auch menschliche Arbeitsbedingungen, untergeordnet. So ist die 24/7-Verfügbarkeit eben genau ein Merkmal dieser Bedingungen, die von der Onlinewelt technisch abgebildet werden.

Ich finde daher, wir sollten die Frage von „Haben“ und „Sein“ durchaus auch auf das „reale“ (Wirtschafts-)Leben ausdehnen…

frederik 10. Mai 2010 um 20:09 Uhr (Antworten)

Ein sehr schöner Artikel. Ich finde besonders diesen Satz interessant:

„Wir sind dabei, die Eigenschaften der Maschinen auf uns Menschen zu übertragen..“

Unser eigener Körper bringt nicht die Leistung, die wir gerne hätten. Wieso gibt es Ferngläser? Menschen halten sich geschliffenes Glas vor die Augen, um in die Ferne zu sehen. Sie erweitern ihre Fähigkeiten durch Prothesen.
Eine Maschine stellt nichts anderes dar, als eine Prothese. Die Maus z.B. dient uns als Hand, um auf dem Schreibtisch Dateien und Ordner zu öffnen oder zu verschieben.
Doch ist nicht irgendwann der Punkt erreicht, an dem der Mensch nicht länger versucht sich Prothesen zu bauen? Ist es irgendwann vielleicht einfacher die Maschinen um menschliche Eigenschaften zu erweitern? Der Mensch als Prothese?

Doro 10. Mai 2010 um 20:55 Uhr (Antworten)

Eben nicht „phantastische“ Gedanken, sondern ganz reale Gefahren, die Du da beschreibst! Wenn wir uns Filme wie Avatar und vor allem Surrogates ansehen, dann wissen wir, auf was wir uns einzustellen haben.

Was aber – und das wünsche ich mir als einen der nächsten Posts – was aber ist die Antwort auf diese Entwicklung? Wie kann sich der Mensch -auch ohne Maschinen- weiter entwickeln?

Danke für das wunderschöne Thema, und die wunderbaren Denkanstöße!

LG Doro

Anne Grabs 10. Mai 2010 um 21:02 Uhr (Antworten)

Lieber Ibo,
du bist definitiv ein scharfer Beobachter deiner Umwelt (resp. Onlinewelt) und ich habe diesen Post auch als eine sehr ehrliche Stellungsnahme zu einem sich abzeichnenden Gesellschaftsbild empfunden.
Ich bin jedoch ebenso wie Marc der Meinung, dass es sich um eine generelle Tendenz in unserer Gesellschaft handelt, welche Ribolits in ökonomischer Hinsicht als die „Armut des Habens“ und Gruen in psychoanalytischer Hinsicht als die „Pathologie der Anpassung“ bezeichnen würde. Wo die Ursachen dafür liegen, lässt sich schwer sagen. Postkapitalismus, Ökonomisierung von Bildung? Es ist wichtig dieses Phänomen – die Abkehr von der Menschlichkeit trotz Social Media zu thematisieren, wobei es auch sehr nennenswerte, positive Beispiele in und durch Social Networks (betterplace.org, social bar usw.) gibt. Ich führe die geringere menschliche und humane Begegnung eher auf einen Zeitaspekt zurück. Die (Frei-)Zeit rauscht an uns vorbei und wir beschleunigen mit. Die Globalisierung trägt dazu bei, dass wir mit mehr Unsicherheit spielerisch umgehen müssen und so schwimmen wir, suchen nach Identitätskonzepten, verwerfen sie wieder, fangen von vorn an. Wir haben einfach kaum noch Zeit, unseren Mitmenschen aktiv zuzuhören. Zu deinem angesprochenen – in nenne es „peer pressure“ – in Social Networks möchte ich hinzufügen, dass es dafür auch genügend Abstand braucht und Freunde in Reallife, die einem das Gefühl geben, dass man immer noch ein „echter Mensch“ sein kann, mit allem was dazu gehört.

Thomas Koch 10. Mai 2010 um 22:04 Uhr (Antworten)

Hallo Ibo,
sehr gut, sehr richtig und sehr wichtig.
Nur der beschriebene Verhaltens-Kodex ist geblieben: So sind wir mit der Öffentlichkeit der Print-Medien in den 80er Jahren auch umgegangen. In Wirklichkeit waren wir traurig oder zornig… nach außen aber immer fröhlich und gutgelaunt, bis das allseits Fröhliche das Zornige zu überdecken drohte. Es ist interessant, dass Mensch mit Medien am Ende doch immer gleich umgehen. Nur… dass das Internet unsere Welt viel stärker beeinflußt als jedes Medium zuvor.
Danke, daher für die Warnung.

Béatrice 10. Mai 2010 um 23:36 Uhr (Antworten)

Jawohl! Und deswegen sollten wir auch immer eine gewisse Distanz zu unseren lieben FB, Twitter und dgl. behalten. Bei dieser Distanzierung helfen Momente, bei denen man für ein paar Stunden oder auch Tage (!) keinen Anschluss mehr hat (Was? Kein W-Lan auf dem Zimmer??). Einige Tage selbst ohne Handynetzwerk auf dem Land sind eine wunderbare Salbe für vielbeschäftige Geister. Und: Kinder – selbst wenn sie selbst auch schon über alle Ecken Anschluss haben – helfen einem immer wieder zu empfinden, was wirklich wichtig ist. Danke für Deine Worte!

Tobias A. 11. Mai 2010 um 0:08 Uhr (Antworten)

Ich kann mich nur anschließen: Sehr wichtige Beobachtung, die wir weiter diskutieren müssen.
Eine von zahlreichen Lösungsmöglichkeiten könnte im Schaffen von Rückzugsräumen (Retreat) liegen.

Christoph Wallrafen 11. Mai 2010 um 9:43 Uhr (Antworten)

Lieber Ibo, das trifft. Mitten ins Herz und genau dort, wo es am meisten weh tut. Die Verführung ist allgegenwärtig.

Wir sollten die Verantwortung übernehmen. Und tun, was wir können:
Für die nachfolgenden Generationen können wir als „Early Immigrants“ vielleicht die Scouts sein und auf ein paar Türen zeigen. Durchgehen müssen sie alleine. Dazu inspiriert Dein Beitrag.

Ob jedoch die Menschen von Generation zu Generation wirklich dazu lernen? Ich bin da nicht so sicher. Denn die Probleme und Fragestellungen wiederholen sich auf zyklische Weise.
Im alten Japan gab es eine Weisheit: Jede Generation muss ihre eigenen Antworten auf die Fragen ihrer Zeit finden.

Wir sollten es trotzdem versuchen.

Leander Wattig 11. Mai 2010 um 10:42 Uhr (Antworten)

„In keiner uns bekannten Epoche der Menschheit haben Maschinen eine so umfassende und alle Lebensbereiche bestimmende Bedeutung gehabt wie heute.“

Stimmt absolut. Aber die menschliche Natur ist im Kern seit Jahrtausenden unverändert und wird sich auch so schnell nicht wesentlich verändern. Daher werden vor allem jene „Maschinen“ Erfolg haben, die sich der menschlichen Natur anpassen. Das sehen wir ja schon bei den Entwicklungsschritten der Social Networks. Sie nähern sich unserem natürlichen Kommunikationsverhalten immer stärker an.

Ich denke weiter, dass es nicht nur den Druck zur Konformität gibt, der ja eher ein kennzeichnendes Phänomen der Massengesellschaft war. Gerade Leute, die dem gängigen Bild nicht ensprechen, haben doch durch das Internet die Chance, sich mit anderen Leuten in ihrer Nische zu verbinden – worin auch immer deren Eigenheiten bestehen mögen. Das kann natürlich gut und schlecht zugleich sein.

Das Wichtigste aus meiner Sicht: Heute haben wir eher eine Wahlmöglichkeit und können uns der Gleichmacherei auch gut entziehen. Das erfordert natürlich Kraft und Mut. Denn wer stellt sich schon gern abseits …

Ruth Durga Lal 11. Mai 2010 um 14:19 Uhr (Antworten)

Lieber Ibo,
wir kennen uns „nur“ aus Facebook – deshalb sag ich ganz formlos einfach „Ibo“. Hoffentlich ist das in Ordnung.
Dein Artikel ist wunderwunderschön, er trifft Vieles in meinem eigenen Inneren.
Nach Theilhard de Chardin sind wir Menschen, als Menschheit, in einem Evolutionsprozess – dazu gehört, vielleicht, genau das, was Du oben beschreibst, als Teil dieses Prozesses.

Kluge Leute haben ja schon darüber nachgedacht, wo der missing link zwischen Mensch und Tier ist. Ich bin der Meinung, wir sind selber der missing link. Wir sind die Zwischenstufe zwischen Mensch und Tier, in vielem, sehr vielem noch sehr viel mehr an unser tierisches Erbe geknüpft, als wir gerne wahrhaben wollen.
Der Mensch (zumindest tatsächlich das, was ich gerne darunter verstehen würde) gibt es est in sehr spärlichen Ansätzen.

Als ich mit weit über 40 mit dem Internet begonnen habe, hatte ich, während ich mich abplagte, schwitze und hilflose Zornausbrüche darüber bekam, diese Maschine mir nutzbar zu machen, das Gefühl, in meinem Kopf, meinem Gehirn, werden neue Synapsen gebildet, werden vorher nie dagewesene Bahnen verknüpft. Während ich mit Tastatur, Bildschirm, Festplatte und einer mir vollkommen neuen Denkart beschäftigt war, hatte ich das Empfinden, das in meinem Kopf eine Veränderung stattfindet, die nciht mehr rückgängig zu machen ist.

Beim Lernen von Goethes „Faust“ und/oder beim Hören oder Musizieren von Bach oder Händel passieren in einem Kopf und einem Gemüt ganz, ganz andere Dinge.

Deine Beobachtung von der Art der Selbstdarstellung er Onliner kann ich nur stützen. Da ich verhänltnissmässig offen bin, bin ich da schon böse heringefallen.
Ich erlebe aber auch Leute, die sich ihren Kummer von der Seele reden, denen spontat unglaublicher Zuspruch, grosser Trost über das Internet (auch Facebook) zuteil wird.
Wenn wir alle Glück haben, wird diese Tendenz nicht verloren gehen.

Im chinesischen ist das Zeichen für Krise zusammengesetzt aus zwei anderen Zeichen:
dem für Gefahr, und dem für Chance.

Birger Schnepp 11. Mai 2010 um 17:47 Uhr (Antworten)

Hallo Ibo,
Kompliment, ein sehr „tifer“ Artikel und ich kann verstehen, dass man für diese Qualität an Content nachdenken muß!

Es wiederspricht so schön dieser twitter-Mentalität, ich schreibe mal, was keiner braucht. Dann folgen die Marketing-Typen und schreiben noch mehr, was überhaupt-keiner braucht!

Und wenn Internet-Verweigerer oder Internet-Unwissende Ihr Leben in facebook stellen, dann ist sowieso alles zu spät.

Also, bleibt die Frage, ob Internet nicht sogar gefährlich für die Unwissenden ist, und es Sucht und Gefühle erzeugt, die wir noch nicht kennen.

SG, Birger Schnepp

Ulrike Langer 13. Mai 2010 um 15:59 Uhr (Antworten)

Ein sehr guter gegen den Strich gebürsteter Beitrag. Wir wollen es uns nur ungern eingestehen, aber fallen als 24/7 Onliner alle ein Stück weit auf unser eigenes Image herein, das wir versuchen im Netz aufbauen. Wir wollen relevant sein, inspirierend, nützlich, beliebt, originell, intelligent, raffiniert, lustig etc. Der Erfolg ist ja so leicht und unmittelbar messbar in Form von Links, Retweets, Visits, Blogabonnenten, Facebook-Fans, Flatter-Counts etc.

Ich nehme mir inzwischen bewusst Offline-Tage, bzw. passive Netztage (meistens die Samstage), wo ich höchstens mal Spiegel Online lese, aber nicht aktiv im Netz in Erscheinung trete. Man muss die 24/7-Netznabelschnur manchmal auch einfach mal kappen.

Ich halte am 5. Juni bei einer Konferenz der Diakonie in Berlin einen einstündigen Vortrag über Mediensucht (wobei ich das eingrenzen werde auf Chancen und Gefahren des Echtzeitnetzes). In Deinem Buch und in diesem Blogpost sehe ich einiges Anregendes für den Vortrag. Danke dafür!

Hasan Aksoy 13. Mai 2010 um 21:34 Uhr (Antworten)

Ibo sehr gut geschrieben!

Alessa Hartz 14. Mai 2010 um 1:20 Uhr (Antworten)

Lieber Ibo, es ist für mich immer wieder faszinierend zu lesen, wie du die digitale Welt und das Dasein der ‚Onliner‘ (eine neue ‚Gattung‘ von Mensch, die du selbst beispielhaft vorlebst) so schonungslos reflektierst und immer wieder neu in Frage stellst. Deine Gedanken sind überaus wichtig und kommen glücklicherweise zu einem Zeitpunkt, der es uns noch ermöglicht, entsprechende Vorsorge- oder besser noch Gegenmaßnahmen zu treffen. Meine Frage an dich: Glaubst du, dass die Entwicklung hin zu einem „internet-normierten Menschen“ durchbrochen werden kann?

Andrea Hoffmann 14. Mai 2010 um 11:29 Uhr (Antworten)

Lieber Ibo,

bereits nach den ersten Zeilen musste ich an „Moderne Zeiten“ (Charly Chaplin) denken. Du kennst den Film sicher.
Er kritisiert die Folgen der Industrialisierung auf die Gesellschaft und für den Einzelnen. Zeitdruck und durch Maschinen geprägte Arbeitsabläufe. Fabrikarbeiten stumpfen ab, nur der Tramp bewahrt sich Sensibilität und Menschlichkeit. Im Gegensatz zu damals würde Chaplin vielleicht nicht die Monotonie der Abläufe darstellen, sondern ein Übermaß (?) an Flexibilität und Mobilität. Im Ergebnis dasselbe… Abläufe fressen den „modernen“ Menschen auf, den ich nicht auf „Onliner“ beschränken würden. Unterschiedliche Ausprägungen in Abhängigkeit von Berufs- und sozialen Welten sind unbestritten.

Der „Wir-sind-gut-drauf“-Habitus weiter verbreitet und älter als Du denkst. Er gehört für viele, gerade auch die Nicht-Onliner-Generation zum guten Ton. Auch hier ist ein Übermaß nicht ratsam, doch das Üben in positivem Denken ist per Salso sehr wohltuend und nützlich.
So weit in Kürze.

Herzlichen Dank für Deinen Artikel. Ich setze mich sehr gerne mit Fragen wie diesen auseinander.

LG
Andrea

Ute Hillmer 15. Mai 2010 um 23:50 Uhr (Antworten)

The most exciting breakthroughs of the 21st century will not occur because of technology, but because of an expanding concept of what it means to be human. – John Naisbitt

Ibo,
im gespräch mit dir vor ein paar tagen war ich mit diesen gedanken zum ersten mal konfrontiert – und ich bin erschrocken. Granted: ich hatte nie darüber nachgedacht!

Für mich liegt trost in naisbitt’s worten – auch du teilst deine gedanken mit deiner community. dein haben ist nicht abgekoppelt vom sein oder es „re-connected“ genau jetzt und hier. So lese ich das zumindest.

„an expanding concept of what it means to be human”
… diese veränderung wühlt auf, erfordert arbeit, ist nicht einfach…

Ich hab dir ein paar quellen versprochen – leider nicht immer leichte kost. für mich war noch keine antwort dabei, sondern immer mehr türen zum öffnen und hinterfragen…

Don Ihde 1990, Technology and the lifeworld.
Ab seite 72: program one: A phenomenology of technics. er beschreibt „I – technology – world“ – relationen, die du vielleicht auf basis deiner erfahrungen weiterentwickeln magst

Don Ihde 2002, bodies in technology

Anthony Giddens 1991, Modernity and Self-identity
Eines meiner lieblingsbücher und eine genial grundlage. Nicht alles an veränderung durch die online welt ist wirklich neu für die menschheit. Es ist nur neu für uns. Dahinter steckt aber vielleicht ein veränderungsprozess über generationen hinweg… oder gar ein deja vue.

George Herbert Mead 1934, Mind, self and society
Einer der urväter des social behaviourism, symbolic interactionism (die gesellschaft formt das „selbst“, dieses wiederum bestimmt das gesellschaftliche verhalten, dieses wiederum …). Ich habe Mead nie ganz-ganz verstanden, aber einige interpretationen finde ich sehr spannend.

Manuel Castells 1996,1997,1998 The rise of the network society; The end of millennium; The power of identity;
3 superdicke monster. Die interpretation von felix stalder “manuel castells” hat mir viel gegeben.

Von den älteren Herren könnte dir Georg Simmel auch nützlich sein.

Keine der hier beschriebenen quellen gibt antworten auf unsere fragen – aber alle haben geniale gedankenfunken zum weiterdenken.

Lass es dir gut gehen und keep thinking
Ute

RainerWasserfuhr 20. Mai 2010 um 10:28 Uhr (Antworten)

„Liebe ist nicht maschinell herstellbar, sie wird niemals ins Haben abrutschen können“ – schon AgeOfSpiritualMachines gelesen? Danach kann die Liebesfähigkeit von Maschinen ziemlich grundlegend neu definiert werden ;)

Manuel 21. Mai 2010 um 16:27 Uhr (Antworten)

„Schwächen zugeben, Fehler eingestehen, Schwierigkeiten haben, traurig sein, sich ohnmächtig fühlen, all diese menschlichen Gefühls- und Verhaltensvariationen schicken sich nicht für einen Menschen, der in der Online-Welt zu Hause ist.“

Ich denk hier sollte man zwischen Beruf und Privat trennen. Wer beruflich im Internet unterwegs ist, kann über die sozialen Plattformen nicht wirklich seine Gefühle zeigen, sondern muss „funktionieren“, so wie es das Unternehmen und die Kunden von einem erwarten. Im „realen Leben“ ist das aber in einem Unternehmen nicht anders. Dort kann man den Kunden auch nicht seine Gefühle zeigen, sondern muss auch hier ein freundliches Gesicht aufsetzen.
Im privaten Umfeld können aber die sozialen Netze beim Zeigen der Gefühle helfen, was ich selbst unter meinen Freunden in Facebook sehe. Dort wird auch einmal gestritten oder erzählt was man für einen besch***** Tag gehabt hat. Aber es sind dann auch einige zur Stelle, die einen versuchen wieder aufzumuntern. Darunter sind auch welche, die im „realen Leben“ nichts von der Gefühlssituation mitbekommen und nicht helfen hätten können.

Jedoch finde ich die Punkte zutreffend, vor allem bei den Menschen, welche auch das Internet als Stück ihres Lebens verstehen, also die „Hardcore-Onliner“. Für „normale Menschen“ die im Internet unterwegs sind, ist der Perfektionismus-Druck nicht so hoch und sie verhalten sich wie im richtigen Leben. Nur diejenigen, die im Internet bekannt und gehört werden wollen, welche viele Follower in Twitter haben möchten und viele Kommentare in ihren Blogs, die streben zu einem makellosen Onliner.

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