Open Religion

„Zurückführen auf“, „Immer wieder lesen“, „sich ‚zurück’binden“, all das sind – je nach Auslegung des Begriffs – die bei Wikipedia zu findenden Bedeutungen des Wortes „Religion“. Woher der Begriff nun wirklich kommt, – da kann man sich nicht sicher sein, man kann es nur glauben. Auch die Definition von Religion liest sich bei Wikipedia so: „Als Religion bezeichnet man eine Vielzahl unterschiedlicher kultureller Phänomene, die menschliches Verhalten, Handeln, Denken und Fühlen prägen und Wertvorstellungen normativ beeinflussen.“

Nach dieser Definition könnte das Internet eine neue Art der Religion sein? Wird aus „Open Source“ bald „Open Religion“? Die Bedingungen scheinen erfüllt zu sein: im Internet spricht man miteinander, man entwickelt zum Beispiel in Open Source etwas zusammen, man entscheidet gemeinsam, das Miteinander spielt – ähnlich wie bei Religionsgemeinschaften – eine große Rolle.

Religion war schon immer dazu in der Lage, Menschen unterschiedlicher regionaler Herkunft, unterschiedlicher Bildung und unterschiedlicher wirtschaftlicher Interessen das einende Element zu verleihen, das die gemeinsame Sache über die Bedürfnisse und Wünsche des Einzelnen stellte. Auch dieser Aspekt findet sich im Internet insgesamt, in Open Source-Projekten ganz besonders wieder. Das Internet überwindet alle Grenzen und Schranken und ist für jeden offen, der daran teilhaben kann (und darf).
Religionen sind aus ihrer regionalen Bedeutung längst herausgewachsen, man kann seinem Glauben (fast) überall auf der Welt nachgehen und (fast) überall Menschen gleichen Glaubens finden und mit ihnen zusammen einen wie auch immer gestalteten „Gottesdienst“ feiern. Das Internet ist ebenfalls nicht regional, es ist global und erfüllt auch diesen Tatbestand einer weitgefassten Definition.

Alle Religionen haben einen geistigen Führer, das Christentum hat Jesus, der Islam hat Mohammed und der Buddhismus ist von Buddha geprägt worden. So hat jede Religion ihren Schöpfer, Verkünder des Glaubens und ihren Messias im weitesten Sinne. Im Internet gibt es keinen solchen Religionsstifter, auch wenn viele meinen, man könnte Steve Jobs, den CEO von Apple, als einen solchen bezeichnen. Doch Steve Jobs ist nur der Vorsitzende einer Firma, die es zurzeit hervorragend versteht, den Zeitgeist mit ihren Produkten zu treffen. Die Visionen des Steve Jobs beziehen sich nicht auf das Internet, sondern auf – zugegebenermaßen – sehr schöne Produkte, auch wenn seine Produktvorstellungen manchmal eher den Eindruck eines Gottesdienstes machen…
Der erste Schritt, den wir als Onliner gemacht haben, war, uns einen neuen Lebensraum im Internet zu erschaffen. Das Social Networking könnte man auch als die Kommunikation Gleichgesinnter im Internet bezeichnen, was wiederum nicht weit von der Auslegung entfernt ist, Social Networks als Glaubenssache auszulegen.

Nachdem wir diesen neuen Lebensraum nun besetzt haben, könnte die nächste Etappe folgen: Die Erschaffung einer neuen Religion, denn die Bedingungen scheinen, bis auf die Rolle des Religionsstifters, erfüllt zu sein. Vielleicht aber braucht diese neue „Open Religion“ gar keinen Menschen, der sie führt und leitet.

So wie das Leben des Menschen zunehmend virtuell wird, wird vielleicht auch sein Glaube bald virtuell in einer Wolke abgelegt sein. Vielleicht leiten uns dann statt Menschen Technologien und ihre Anwendung wie zum Beispiel Wikipedia. Dieses Beispiel macht deutlich, wie sehr Menschen für ihren Glauben an eine Institution im Internet ihre individuellen Bedürfnisse zugunsten eines gemeinsamen großen Ganzen zurückstellen können; das kann durchaus religiöse Züge haben.
Das eigentlich Faszinierende an diesem Gedanken ist, dass die Menschen zum ersten Male anfangen, ihren Glauben auf Maschinen auszurichten, auf Maschinen, die ihnen ihre „Open Religion“ ermöglichen. Der Fortschrittsglauben manifestiert sich dann im Internet, – nicht mehr an Menschen – sondern an Maschinen.

Vielleicht ist es an der Zeit, eine gemeinsame Open Religion zu entwickeln? Ein Neuanfang. Eine Hoffnung. Vielleicht ist es das was wir Menschen alle schon haben wollten uns aber nie getraut haben soweit offen darüber zu sprechen.
Es ist Zeit für eine neue gemeinschaftliche Religion. Die Social Religion.

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Kommentare zu "Open Religion"

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Frank Didszuleit 9. September 2010 um 12:04 Uhr (Antworten)

Religion ist Opium fürs Volk … ;-)

Jens 9. September 2010 um 12:25 Uhr (Antworten)

Das ist ja schon richtig schwere Philosophie am Mittag.

Du klammerst in deinen respektablen und durchaus zu bejahenden Ausführungen nur den einen alles zerstörenden Schwachpunkt aus…den Menschen… Sei es nun mangelnde Bildung oder egoistische Gier, die ganz persönlichen Schwächen jedes Einzelnen werden eine „Open Religion“ verhindern…

Weil auch jede Religion immer nur Spielplatz der Egos und der Machtgier ihrer „Führer“ sind…

Martin 9. September 2010 um 12:48 Uhr (Antworten)

Absolut korrekt. Endlich denkt einer dran.

Da bislang jede Religion eh nur ‚offline‘ (also pfui) war, sollte es jetzt endlich im Gleichschritt mit der Technoevolution auch ‚online‘ (sprich hui) werden.

Weil, ich meine, davor mussten wir uns mühsam über brennende Busche, quitschende Lämmer und giftige Rauchwolken in die ’nächste Ebene‘ einwählen, damit ist jetzt endlich Schluss, man twittert einfach der/die/das Gott an und schon hat man ausgesorgt.

Und nicht nur das wird dadurch einfacher. Endlich brauchen wir für unsere Heiligen Kriege nicht bis zum Ende der Welt hinstrapazieren, man legt das Feuer heute einfach auf Facebook, vertwittert es ein wenig, packt es in die nächste Wave ein und schon brennt die Welt lichterloh.

Aber GsD waren Religionen bislang ja immer nur fürs Gute da, ich meine, Kreuzzüge, Scheiterhaufen, Kinderficken, usw, also warum sollten wir uns diese Möglichkeit erneut altruistisch eingepackte Egoexkremente als „das Licht am Ende“ des digitalen Tunnels entgehen lassen…

PS: Nominierung für den nächsten „Prustlitzer-Preis“ hast hiermit in der Tasche…

Der Bischoff 9. September 2010 um 13:13 Uhr (Antworten)

Doof nur, dass man echte Anteilnahme und Hilfe online nur schwer übertragen kann. Wir können zwar für Pakistan spenden, aber es braucht Leute die offline (also „pfui“ ?! ) den Menschen helfen.

Ich finde daher auch, wenn ich das dumpfe und unüberlegte Religionsgebashe von Martin mal aufs Christentum beziehen darf, diese Kritik ein Stück weit ambivalent:

Die christlichen Kirchen, vornehmlich die katholische (von denen ich generell auch kein Fan bin), werden also, abgesehen von dem Kinderschänderskandal in der tat schlimm ist und das Handling der Sache auch schlimm war, für Sachen verantwortlich gemacht, die hunderte, fast tausend Jahre zurückliegen! Aber wahrscheinlich lieber Martin trinkst du sicherlich auch Coca Cola oder trägst Klamotten von Firmen, die in der Gegenwart Menschen ausbeuten und wie Tiere behandeln! Oder wieviele von den tollen Online Firmen stellen Ihre Produkte billig im Ausland her um sie teuer zu verkaufen? Was ist mit den Agrar- Subventionen der EU, wodurch die afrikanischen Märkte ruiniert werden? Was ist wenn ein Land wie Simbabwe Afrika versorgen könnte, aber seinen Ertrag den westlichen Industrienationen abgeben muss, weil es die Schulden nicht bezahlen kann, und Hilfsorganisationen diese Lebensmittel wieder teuer zurückkaufen müssen um den Menschen in Simbabwe zu helfen!
Wirst du jetzt all diese schlechten Produkte meiden? Wirst du Deutschland oder Europa verlassen? Was ist deine Konsequenz aus dieser AKTUELLEN Situation?

Achja.. zu den Hilfsorganisationen:

Die Religionen die ja so schlecht sind, sind aber dann oft diejenigen die bei den Menschen sind, die nur noch in ihren eigenen Exkrementen dahinsiechen! Wer kümmert sich denn schwerpunktmäßig um die ärmnsten und elendesten Menschen.. die Onliner, mit Ihrer Onlinereligion? Ist online vielleicht so hui, weil man sich durch die digitalen Brille die Welt anschauen kann und auf einen Knopfdruck meint Menschen zu retten?

Der Bischoff 9. September 2010 um 14:00 Uhr (Antworten)

eine Anmerkung @ Ibo:

du hast sicherlich ein paar Aspekte von Religion genannt! Allerdings scheinen mir der Aspekt des Religionsstifters und der Aspekt von Gemeinschaft nicht die alleinigen tragenden Säulen zu sein:

Religion hat auch immer etwas mit dem Transzendenten, dem Überirdischen zu tun! Religion kann den Menschen Deutungsmuster für deren Welt, Situation etc. geben.!

Wo genau siehst du diese Aspekte in einer Online Religion? Was ist mit der Hoffnung, die über die immanenten Situation hinausgeht.. mit der Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod z.B.? Das ist ein extrem wichtiger Aspekt von Religion bzw. Glauben!

Ibrahim Evsan 9. September 2010 um 14:21 Uhr (Antworten)

Lieber @Der Bischoff

ich kenne kaum etwas auf dieser Welt was Überirdischer ist als das Internet und was sie mit unserer Gesellschaft gemacht hat.

Zum Them Tod und das Netz habe ich hier schon viele Gedanken aufgeschrieben. Vielleicht findest Du Zeit meine Gedanken in diesem Blog zu folgen.

Balthasar the Prince of Darkness & Irony 9. September 2010 um 15:03 Uhr (Antworten)

@mr.bishop kein ironiefan, nicht wahr

1. bitte erstens immer vor jedes wörtchen aus meiner richtung unbedingt den -tag stellen

2. ob ich von jemandem vor tausend jahren oder gestern willkürlich und äußerst schmerzhaft umgebracht wurde, ist mir herzlichst egal, da ich in beiden fällen eh nur noch an die ewigen jagdgründe oder die siebzehn jungfrauen hoffen darf

3. als getaufter, gefirmter, schmerzhaft streng katolisch erzogener und auch längst wieder ausgetretener piaristengymnasiumabsolvent, habe ich diese ‚ach so heile, reine und sowas von jungfreuliche katolische welt‘ auf eigener haut erleben dürfen und kann dir somit sozusagen reinste ‚insiderinfos‘ servieren

4. dafür brauche ich nichtmal die purpurgekleideten selbstverliebten elfenbeinturmgeschützten alten tattergreise, die mir direkt aus den römischen bädern raus über die drittweltelend predigen, während sie in einem atemzug homosexualität zur krankheit und kondom zum mord erklären

5. wenn wir alle auch gleich jetzt nach afrika lossausen, wird zuerst die gesamte welt kollabieren und es wird danach erst keinen mehr geben, der noch helfen könnte, weil eh schon alle zur hilfe stürmen

6. und dass man einem gegen seinen willen nicht mal gold unterjubeln kann, sehen wir alle an den versuchen die islamischen frauen von den „unwürdigen kopftüchern zu befreien“, nicht wahr

7. und ich wette mit dir und allen anderen gleich auch, dass jeder von uns (ich an erster stelle) zuerst auf seine schnitzelsemmel schaut, bevor er eine für den sogenannten ’nächsten‘ backt und lieber ein paar ‚blutdiamanten‘ übersieht, bevor er auf sein sofa verzichtet und dass jeder von uns noch bevor es ihm selbst auf den kragen geht, den kragen der ganzen welt opfert, koste es was es wolle

8. so ist es nämlich einfach mit jedem von uns. oder hast du schon heute dein halbes mittagessen am westbahnhof veteilt vielleicht?

Martin Wedgwood 13. September 2010 um 17:23 Uhr (Antworten)

Habe diesen Kommentar zwar schon auf Deinem Facebook-Profil hinterlassen, aber jetzt erst den zugehörigen Blog-Post gefunden. Dann will ich doch noch mal ;-)

Danke für diesen mutigen Beitrag, Ibrahim.

Ich glaube, dass das Internet ein wunderbares Werkzeug ist, das vor allem eins ermöglicht: die Grenzen durchlässiger zu machen und damit, mit vielen unterschiedlichen Menschen, Ideen und Strömungen …in Kontakt zu kommen.

Was ist so wunderbar daran?
Wir können auf ungefährliche Weise unsere kleinen, privaten, geschützten Höhlen des Spirituellen, Kulturellen und Intellektuellen verlassen, um in Dialog zu treten, uns und unsere Sicht auf die Welt in Frage zu stellen und stellen zu lassen, anderen Einblick in unsere Gedanken, unsere Visionen, unsere kleine, aber gerade dadurch göttliche Perspektive auf die Welt zu gewähren.

Ausgehend davon entsteht etwas um uns und in uns oder besser kommt in Bewegung. Im besten Fall in eine Bewegung, die uns näher zu uns, näher zu anderen und damit immer tiefer ins Leben hinein führt.

Was ist das „Risiko“?
Dass wir uns dort draußen verlieren. Den Austausch selbst, die globale Informationskommunion (um einen christlichen Begriff zu verwenden), den Rausch der verbalen Geschwindigkeit schon für das Göttliche, die Tiefe des Lebens, die Antwort auf die Frage von Leben und Tod halten.

Dass wir alle kulturellen Unterschiede nivellieren, um an der Oberfläche eine vermeintliche Einheit und Gemeinschaft zu schaffen, die wahrscheinlich weder nötig noch existenziell gewollt ist. Dass wir Unterschiede durch Gewohnheit und zu große gedankliche Nähe ausmerzen, die doch Zeichen kultureller und individueller Individuation einerseits und tiefer, kosmischer Verbundenheit jenseits aller Unterschiede wären.

Insofern ist das Internet vielleicht ein Ort der Ökumene, ein Forum, ein Marktplatz der Ideen, der Inspiration und der Interaktion.

Hier können wir mit den anderen teilen, was wir nur auf ureigene Weise in uns selbst und durch unsere individuelle Entwicklung finden und verwirklichen können.

Hier können wir Gedanken, Ideen, Inspiration aufschnappen als Einladungen, uns selbst an die Grenze dessen zu bringen was wir verstanden, integriert und in uns überwunden haben.

Die Zeit der Religionen ist vorbei. Es ist Zeit für eine neue Nicht-Religion, die in einem großen sozialen Gefüge von Menschen pulsiert, welche entschlossen an sich arbeiten, um die bitteren Geschenke des Lebens heilsam zu transformieren und alle Geschenke als selbstbestimmte Individuen auf angemessene Weise mit den anderen Menschen zu teilen.

Wie heißt es bei Konrad Lorenz: „Der Übergang vom Affen zum Menschen, das sind wir.“ Menschwerdung – darum geht es.

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