Digitaler Stress: Wir haben die Langeweile getötet

Digitaler Stress: Wir haben die Langeweile getötet
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Wir haben uns längst eine zweite Welt geschaffen, außerhalb unseres eigenen Ichs, die digitale Welt aus Bits und Bytes. Aber das interessiert uns nicht mehr. Es funktioniert. Wir denken nicht daran. Der internet-normierte Mensch, tut nach Watzlawick alles, um „nicht nicht zu kommunizieren“. Wir lassen ein zweites Ich auf die Menschheit los, das sich durch unsere Online-Arbeit mit digitalem Leben füllt. Wir befüllen die „Maschine“ Internet mit all unseren Daten – bewusst oder unbewusst. Dabei lernen wir, die Maschine zu bedienen ohne dabei die Algorithmen zu verstehen. So handeln wir auch im Internet, besonders in Social Media oder auch hier auf LinkedIn. Die Maschine und die Systeme werden unser Lebensraum. Wir haben uns als Menschen verlängert im Internet. Die Hülle des Menschen, die ihn überall hin mit verfolgt.

Was bedeutet es, ein internet-normierter Mensch zu sein?

Eine Entwertung der Attribute, die uns zu Menschen machen, markiert eine neue Ära des menschlichen Seins. Wir wollen haben, wir sind internet-normiert.

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Das Netz kategorisiert uns, und wir helfen ihm dabei (z.B. Klout.com). In der direkten Kommunikation „face-to-face“, erkennen wir die Reaktionen auf das was wir sagen, was wir sind und können reagieren, wenn wir missverstanden werden. In der digitalen Welt haben wir keinerlei Kontrolle mehr über das, was von uns wahrgenommen wird. Nur lange Gespräche können Menschen menschlich machen.

Je mehr wir über uns schreiben, desto vielfältiger werden die Interpretationsmöglichkeiten, die wir anderen über unsere Person anbieten. Die von uns freiwillige jedoch unkontrollierte sowie fragmentierte Datenfreigaben, können ein falsches Bild entstehen lassen. Hierbei entstehen kaum noch Geschichten. Aus der Selbstbestimmung in der realen Welt wird die Fremdbestimmung durch die digitale Welt. Und dabei sind wir vollkommen verliebt in die Nutzbarkeit von Apps auf Glasscheiben. So entsteht die Ferne Empathie. Wir werden immer mehr abgestumpft.

“Jede freie Minute und jeder Gedankengang führt zum Handy.“

Twittern WhatsApp

Wir können gar nicht mehr Herr unserer Kommunikation sein, weil alles, was wir in die digitale Welt hinaus senden, in seiner Fülle nicht mehr beherrschbar ist. Wenn wir mal menschliche Gedankengut versenden, können wir nichts mehr erklären, klarstellen oder gar rückgängig machen, wenn wir den Tweet erst einmal in die digitale Welt hinaus gelassen haben. Wir müssen dann mit vielen Antworten darauf leben, die zeigen, dass das Gemeinte und das Verstandene weit auseinander gehen. Manche groben Ungenauigkeiten in der Beschreibung lassen sich korrigieren, doch es fehlt die Zeit, alles so klar und konkret zu „sagen“, dass das Eigenbild auch als Fremdbild wahrgenommen werden kann. Es fehlt die Kommunikation im Sinne von Wikipedia: Kommunikation stammt aus dem Lateinischen communicare und bedeutet „teilen, mitteilen, teilnehmen lassen; gemeinsam machen, vereinigen“, Hervorhebungen von mir). Ein Beispiel: In Twitter laufen jetzt über 200 Millionen Botschaften an einem Tag. Das sind über 100 Millionen parallel verlaufende Kommunikationsstränge, von denen die meisten eine „Einweg-Kommunikation“ darstellen, ohne „verbindendes Element“, wie in der Definition von „Kommunikation“ gefordert wird.  Eine Sache dazu: Es werden aber auch 200 Millionen „Copyright fähige“ Veröffentlichungen pro Tag versendet. Wir sind nun alle Schöpfer.

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Social Media hat also die Langeweile getötet. Denn wir haben uns ein Paralleluniversum geschaffen, in dem wir außerhalb unseres eigenen Ichs präsent sein müssen, um uns im digitalen Strom behaupten zu können (Digital Leadership). Wir haben das Bestreben, das Eigenbild im Fremdbild, in der Wahrnehmung anderer aufgehen zu lassen, jeden Tweet als Steinchen unseres Persönlichkeitsmosaiks zu setzen. Das Wort „Langeweile“ wird immer verbannt, denn diese immerhin selbstbestimmte Phase des täglichen Lebens wird ersetzt durch hektische Betriebsamkeit bei der Darstellung unseres Selbst, und im schlimmsten Fall damit, dass wir mit irgendwelchen Spiele-Apps unsere Zeit töten. Wir werden Teil einer Maschinerie, die auf Vervollständigung, Transparenz, Effizienzstreben und Erfolg ausgelegt ist. Von uns wird der bisher nur für die Verfügbarkeit von Maschinen definierte 24 / 7 Kodex erwartet, der für Menschen naturbedingt gar nicht gelten kann, weil der Mensch Ruhe- und Regenerationsphasen zum körperlichen wie psychischen Überleben braucht. Aber diese Ruhe gönnen wir uns nicht. Auch der denkende Mensch ist nicht mehr frei. Jede freie Minute und jeder Gedankengang führt zum SmartPhone. Es wird überprüft, mitgeteilt und mitgewirkt. Wir werden den Maschinen immer ähnlicher, denn Maschinen kennen keine Langeweile.

Dabei ist Langeweile der Antrieb für Kreativität, indem wir in solchen Momenten einmal nicht der Fremdbestimmung sind, sondern die aus der Langeweile auftauchenden Gedanken zulassen, die sonst keine Chance haben, wahrgenommen zu werden, weil sie in der hektischen Betriebsamkeit untergehen.

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