Informationen ernähren und verändern den Prozess des Denkens

Wer hat da an meinem Gehirn herumgebastelt? Mein Geist, meine Art Dinge zu nutzen ändert sich. Ich denke nicht mehr, wie ich früher dachte: Ich glaube, ich habe anders gedacht. Oder nicht? Wer hat meine neuronalen Schaltkreise neu programmiert? War ich das?

Die Symptome sind schnell beschrieben:
Letzte Woche war ich in einem Buchladen und habe mir ein Buch gekauft. Mit großer Freude habe ich mich in meine Leseecke gesetzt und die ersten paar Seiten aufgeschlagen. Das Lesen dieses Buches wurde zum Kampf gegen meine Ungeduld, ich habe keine Ruhe zum Lesen. Ich bemerke immer wieder, dass ich kaum aufgewacht, es nicht erwarten kann, mein Smartphone nach Nachrichten zu durchsuchen. Meine Konzentration auf eine Sache beschränkt sich auf immer kürzer werdende Zeiträume. Ich habe keine Zeit mehr. Ich habe für nichts mehr richtig Zeit. Die Tage gehen zu schnell um.

Einen Erklärungsansatz habe ich bereits gefunden: Mein Forschungstrieb ist gestiegen, ich habe die maximale Geschwindigkeit meines Forschungsdrangs gefunden. Die geruhsamen Tage mit den Bücherstapeln in den Bibliotheken sind vorbei. Heute bekomme ich die Informationen im Sekundentakt. Ein paar Google-Suchen, ein paar schnelle Klicks auf Links und ich bin am Ziel. Auch wenn ich nicht mehr richtig arbeite (wie habe ich bloß damals gearbeitet?), lese ich in der Web-Info-Galaxy, schreibe E-Mails (verliere dabei die Kontrolle), scanne Facebook und lese Blogs, sehe mir Videos an und höre ununterbrochen fast kostenlos und legal Musik über Spotify oder lasse mich durch Podcasts beraten. In der Zukunft werden wir digitale Brillen tragen, die das ganze auch nochmals intensiver erlebbar machen werden.

Ich gehe nicht durch das Leben, ich springe von Link zu Link. Ich habe das Internet als Schlaraffenland der Informationen entdeckt, nehme einfach alles über meine Augen und Ohren auf und lasse die Informationen in meinen Kopf. Viele Social Media Menschen sind Trüffelschweine für Informationen geworden.

Informationen liefern die Nahrung für das Denken, aber sie verändern auch den Prozess des Denkens.
Doch ich kann nicht der einzige sein, der so etwas erlebt. Wenn ich mit meinen Freunden und Bekannten darüber spreche, dann erzählen sie von ähnlichen Erfahrungen. Je mehr sie das Web nutzen, desto mehr müssen sie kämpfen, um konzentriert zu bleiben. Man fängt an zu überfliegen, man manipuliert sich selbst, Prioritäten verschieben sich von selbst.

Und plötzlich werde ich in meine Jugend zurück geworfen. An einen Gedanken, der mich damals nicht losgelassen hatte: wie sehr wünschte ich mir, alle wichtigen Informationen aus den Büchern, oder die Informationen der Welt, zu organisieren und universell zugänglich und nutzbar zu machen. Ich hatte damals schon vor Augen, was Google heute macht. Die perfekte Suchmaschine versteht genau, was man meint und gibt einem das zurück, was man will. Für Firmen wie Google wird die schwer verständliche Information eine Ware, eine utilitaristische Ressource, die gefördert und verarbeitet werden muss. In unserer Welt wird die Information mittlerweile mit industrieller, algorithmischer Effizienz verarbeitet. Das führt dazu, dass die Informationen ein produktiveres ICH schafft. Doch ist das so?

Die Information wird durch ihre immer komplexer werdende innere Dichte selbst eine neue Art von Information und erlebt unter dem Druck der nachfolgenden Informationsflut und der technologischen Optimierung eine Veränderung. Dadurch wird die Information symbiotisch mit bereits erfassten und anderen neuen Informationen. Eine ganz neue Art von Informationen entsteht: die Meta-Information, die dem Menschen ein komplexeres Denken abverlangt.
Informationen werden durch digitale Evolution zu Meta-Informationen, die das Denken des Menschen algorithmisch machen.

Habe ich mich denn tatsächlich geirrt? Werden nicht die Maschinen den Menschen beherrschen, sondern werden die Informationen diese Herrschaft übernehmen? Ich denke, wer wen beherrschen wird, ist davon abhängig, wie wir Menschen zukünftig mit der Informationsverarbeitung umgehen werden. Aber der Gedanke lässt mich nicht mehr los.

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Kommentare zu "Informationen ernähren und verändern den Prozess des Denkens"

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Johannes Mirus 5. April 2013 um 8:45 Uhr (Antworten)

Würde ich so nicht ohne Einschränkungen unterschreiben. Ich beobachte diese Tendenzen zwar auch bei mir (und hatte schon Probleme, deinen Text mal schnell zu erfassen ;)). Andererseits filtere ich meinen Newsfeed auch immer nach den drei Kriterien „lese ich gar nicht“, „lese ich jetzt“, „lese ich später“. Texte letztgenannter Kategorie speichere ich in Instapaper und Co. und nehme mir zum Lesen dann auch die Zeit, die sie benötigen.

Ich stimme dir aber zu, dass wir lernen müssen, unsere Informationen (noch) besser zu organisieren. Und zwar selbst, nicht durch andere, das ist wohl das Wesentliche daran.

Stefan 5. April 2013 um 10:07 Uhr (Antworten)

Fütterst du die Maschine oder füttert wirst du von der Maschine gefüttert?

Ja die Art und Weise wie Menschen Damals und Heute die Informationen nutzen und verarbeiten hat sich geändert und tut es fortwährend. Was mich dabei nur etwas erschaudern lässt, ist das eigentlich sehr Internet-Affine Menschen wie Du die direkt in der Materie drin stecken, diese Veränderungen nur sehr langsam wirklich bemerken.

Philipp Zentner 5. April 2013 um 10:27 Uhr (Antworten)

Ich denke da ähnlich. Ich habe viele Bücher hier liegen die ich noch nicht gelesen habe. Das Kindle sollte mir die Möglichkeit geben, diese „vielen“ Bücher, immer und überall dabei zu haben um jederzeit bereit zu sein, ein paar Seiten weiter zu kommen. Es hat etwas geholfen, aber ein Buch fertig gelesen habe ich deshalb trotzdem nicht. Der nächste Versuch lag dann auf der Hand: Speed-Reading. Aber auch das machte mir einfach keinen Spaß.

Mir fehlt die Ruhe und die Muse mich auf ein Buch einzulassen. Ich weiß allerdings nicht ob es in meiner Natur liegt oder an all der Informationsflut. Konsequentes Abschalten der Erreichbarkeit, ruhig sitzen bleiben, sich auf etwas Neues und nur(!) dieses Neue einzulassen – Yoga-Versuche sind genauso gescheitert! Aber es ist nicht nur bei Büchern so. Auch auf längere Blog-Artikel muss ich mich erst einmal einlassen. Oft ertappe ich mich dann wieder beim Klicken auf das Pocket-Plugin, um sie „bei Zeiten“ und „in Ruhe“ zu lesen.

Es aber auch an der Art und Weise wie ich das Web betrachte sorgt für das Verdrängen der Bücher: Nicht nur als „Schlaraffenland der Informationen“, sondern als Spielwiese, als Chance, als Bühne, als etwas aufregendes, viel aufregender als mir jedes Buch erscheint.

Es liegt an der Priorisierung der Informationen die uns begegnen. Wenn neben mir ein Glas herunterfällt, priorisiere ich es am höchsten. Es ist eine akute Informationen die einer Handlung bedarf. Selbiges passiert bei Facebook. Der Stream ist vergänglich, die Benachrichtigungen nur eine kleine Stütze. Es ist nicht die Angst etwas zu verpassen, es ist die Angst nicht zu funktionieren.

Sebastian Schürmann (@sschuermann) 5. April 2013 um 12:43 Uhr (Antworten)

Ich glaube das die „Dichte“ der Information nicht zunimmt, im Gegenteil. Sie nimmt eher ab. Ein Beispiel: Was macht man wenn man sich mal mit dem „Sozialismus“ beschäftigen will im Jahre 2013? Ja klar: Google wird mit einer Suche nach „Sozialismus“ gefüttert, im Ergebnis steht eine Wikipediaseite und die wird überflogen. Unten stehen dann einige weiterführende Links und schwupps werden die auch noch angeklickt. Da bin ich sicher nicht anders.
Inwiefern diese Art der Information „dicht“ ist kann ich nicht sagen, aber rein vom Gefühl her ist die Lektüre des „Kapital“ da schon dichter. Es ist ein Kampf von Seite zu Seite, ein Krampf von alter Formulierung zu alter Formulierung. Im Endergebnis bleibt mir so viel verborgen (Marx kannte z.B. keinen sog. Retrosozialismus) aber was das Grundthema angeht habe ich sehr viel mehr erfahren.
Wikipedia liefert eine Übersicht, aber in die Tiefe zu gehen erfordert sehr viel mehr Aufwand, das haben wir IMHO vergessen. Zusätzlich muss ich auch noch eigene Schlüsse aus der Materie ziehen, etwas das in den letzten Jahren sehr gelitten hat.

Folgendes Vorgehen macht es sehr leicht Informationen zu speichern:
1. Sich vorher überlegen was man erfahren möchte und was man für eine Einstellung zum Thema hat. 2. Fakten aufnehmen
3. Diese Fakten anwenden. Das kann direkt sein, in dem man zum Beispiel ein Programm in der Sprache schreibt über die man gerade las, oder auch abstrakt, in dem man etwas dazu zeichnet (ein Diagramm oder Mindmap zum Beispiel)
4. Sich überlegen welchen Schluss man daraus zieht.

Das wirkt langsam und in beiden Abschnitten meines Kommentars geht es mir eher um ein weniger Geschwindigkeit und die komplette Verarbeitung statt zu versuchen die maximale Geschwindigkeit zu erreichen. Es war schon immer so das es mehr Informationen gab als man als Mensch in einem Leben verarbeiten konnte (spätestens seit der Bibliothek von Alexandria). Das Internet hat uns nur getäuscht. Zu akzeptieren, dass es nicht möglich ist alles zu lesen was einem so am Tag über den Weg läuft ist vielleicht ein Anfang.
Meine Aufmerksamkeitsspanne hat sich stark verbessert seit ich kein TV mehr habe. Dieses Medium wirkt schon viel länger auf uns ein und beeinflusst unser Verhalten seit unserer Kindheit. Vielleicht ist es auch ein Irrglaube alles auf das böse Internet zu schieben und wir unterliegen mehr Einflüssen als nur dem des Netzes.

Vanessa 6. April 2013 um 17:49 Uhr (Antworten)

es ist richtig, der Umgang mit Informationen hat sich verändert. Natürlich liegt es daran das man unglaublich schnell an unglaublich vielen Informationen kommt. Vielleicht kann man sagen, früher gab es weniger, das hat man dann aber auch intensiver be-oder verarbeitet.
Ich stelle bei mir selber fest, das ich selten einen Artikel bis zum Schluss lese, schon bin ich bei dem nächsten Artikel angelangt. Diese Entwicklung ist mit Sicherheit nicht gut. Es wird oberflächlicher.
Schlimmer finde ich jedoch die Entwicklung mit den sozialen netzen, mein Gott, was passiert erst wenn Google Glases kommt? Beobachte doch mal die „jüngere Generation“, häufig sieht man wie die zu fünft am Tisch sitzen und jede/r starrt nur auf sein Handy. Schön, das genau da Facebook ins Rennen kommt. Jetzt kommen doch alle Facebook-Neuigkeiten direkt auf den Homescreen. Das ist eine permanente Ablenkung.
Es hat alles etwas gutes und schlechtes, hängt aber im Endeffekt von der Person hinter dem Bildschirm ab was diese daraus macht …

Tim 25. April 2013 um 8:48 Uhr (Antworten)

Ein Artikel zum Nachdenken! Ich denke auch, dass die“Erfindung“ Googles das Bildungssystem ein Stück weit revolutioniert hat – was bringt es einem Informationen auswendig zu lernen, wenn man sie eh innerhalb von Sekunden über Google finden kann. Es rücken wieder andere „Skills“ in den Fokus, zwischenmenschliche Fähigkeiten werden wieder wichtiger als das bloße Wissen.

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