Die Intensität von Social Media oder das neue digitale (Er-)Leben

10 Jahre Facebook und ich denke mir die ganze Zeit, wie habe ich eigentlich diese Zeit erlebt? Wie hat uns Social Media verändert? Hier einige Gedanken: Mit Facebook habe ich eine ganz neue Möglichkeit erhalten, meinen Berufsalltag und meine Freizeit zu verwalten, meine ganze Kommunikation mit Freunden und Kollegen hat sich verändert, meine Gedankengänge schreibe ich öffentlich nieder, jeder kann darauf zugreifen und mit mir in Diskussion treten. Über die Jahre hinweg hat sich Facebook und das ganze System Social Media zu meinem persönlichen, digitalen Betriebssystem entwickelt. Dieses System möchte ich nicht mehr missen, obwohl es komplexer und zeitintensiver geworden ist. Doch es hat für mich einen entscheidenden Vorteil: Ich bin multi-funktional.

Doch wohin wird uns Facebook mit seinen Funktionen führen? Wie werden wir mit der Masse an Informationen und sozialen Netzwerken umgehen? Weiter mit meinen Gedanken:

Wer sich Social Media verschreibt, emanzipiert sich.

Der internetnormierte Mensch wird immer mehr zum multimedial ausgestatteten User eines externen Mediums, das er mit den Daten – seiner persönlichen Life-Line – seiner ganzen Persönlichkeit anreichert. Er hat neben verschiedenen Smartphones, Pads und Laptops immer mehr Geräte zu bedienen. Diese Verwaltungsarbeit des eigenen, aber jetzt digitalen Ichs, gleicht schon fast einem Beamten, der sein digitales Lifestyle-System verwaltet. Wer sich Social Media verschreibt, emanzipiert sich und erlebt, dass sich seine Persönlichkeit im Netz diversifiziert.

Für denjenigen, der sich auf die Suche begibt, etwas über einen internetnormierten Menschen zu erfahren, ergibt sich die Schwierigkeit, dass sich die Menge der Informationen über die gesuchte Person zu einem undurchdringlichen Irrgarten verdichtet, weil die Persönlichkeit zu jeder Zeit in all ihren Facetten gleichzeitig öffentlich zu erleben ist.

Da es aber unser Alltag geworden ist, Daten zu sortieren und für unsere Zwecke aufzuarbeiten, gewinnen wir bei der Online-Betrachtung eines internetnormierten Menschen manchmal zu schnell ein Bild über den anderen, das mehr unseren eigenen Vorstellungen als der Realität entspricht. Und das eben gerade weil wir keine Informationspriorität, keinen geeigneten Filter – außer unseren eigenen Erfahrungen – einsetzen können, um die gebotenen Informationen klar und unvoreingenommen zu strukturieren. Denn zunehmend wird die Identifizierung unserer eigenen Interessen wegen der Fülle der Möglichkeiten schon eine Qual. Wie sollen wir uns da noch halbwegs objektiv mit einer anderen Person auseinandersetzen, wenn uns doch schon die Definition und Wertebildung des eigenen Lebens mit Informationen überfrachtet?

Im Social Media muss  jeder seine eigene Überlebens-Strategie erarbeiten.

Zu viele Daten strömen in unser Leben; wir müssen damit klar kommen. Jeder Einzelne muss seinen Modus vivendi finden, seine eigene “Überlebensstrategie” erarbeiten. Wir sind – besonders geschäftlich – darauf angewiesen in  “Realtime” zu reagieren, denn in der Internetkommunikation ist die Reaktionszeit auf Nachrichten jeder Art die neue Höflichkeit.

“Du bist mir wichtig” ist die zentrale Aussage in funktionierenden Netzwerken.

Doch spätestens hier wird deutlich, dass das mit Hunderten von Freunden bei Facebook nur funktionieren kann, wenn man zulässt, dass das System Besitz von einem ergreift. Dann gerät man jedoch aus der digitalen Selbstbestimmung in eine Fremdbestimmung. Des Menschen Selbstwertgefühl wird zu einem Großteil von der Bestätigung durch andere bestimmt, das “Angenommensein” ist für das Wohlbefinden unabdingbar. Das Netz kann uns enorm viele neue Wege zeigen, die höchste Form von Anerkennung selbst zu erfahren und anderen zu geben. Die wichtigste Aufgabe dabei ist, dass wir die anderen Menschen verstehen. Wir müssen uns eingestehen, dass wir auch eine Nische in der digitalen Welt brauchen, die wir mit unserer Persönlichkeit füllen; einen Ort, an dem wir im digitalen Leben selbstbestimmt sein dürfen. Diese Nischen sind abgegrenzte Räume, in denen wir unsere Persönlichkeit frei entfalten können und so – auch in der digitalen Welt – authentisch bleiben können.

Social Media verkürzt: Du bist mir wichtig.

Manche Leute aber spielen sich selbst was vor: Sie ersetzen ihre im realen Leben schwach ausgeprägte Persönlichkeit durch einen digitalen Avatar, der Hunderte von Freunden hat und an allem Interesse zeigt. Das Selbstwertgefühl wird durch den Erfolg des Avatar gespeist, nicht mehr durch reales Erleben; eine immense Gefahr für die ganze Persönlichkeit. Sie opfern ihre Lebenszeit auf dem Altar ihrer multimedialen Anwesenheit, sei es durch Spiel-, Informations- oder Geltungssucht.

Durch die immer weiter fortschreitende multimediale Anbindung an das digitale Leben – die Verkaufszahlen von iPad und iPhone etc. beweisen das sehr drastisch – verändert sich unsere Gesellschaft leise, aber unaufhaltsam und damit dramatisch. Es entstehen Fragen, über die sich kaum jemand Gedanken machen kann, “weil viele mitten im Datenstrom leben”.

Wir sind auf dem Weg in eine vernetzte Gesellschaft – ohne Wenn und Aber.

So entstehen Social Trademarks, also die aus den digitalen Netzwerken hervorgehenden “Botschafter”. Diese Social Trademarks werden schnell zu Eckpunkten der Meinungsfindung, so wie die Mainstream-Print-Unternehmen in der Offline-Welt. An der Bildung dieser Personenmarken kann man erkennen, dass die vollkommene Freiheit des Internets von den Benutzern gar nicht verarbeitet werden kann. Sie tragen, genau wie die digitalen Supermächte Google, Apple, Amazon etc. dazu bei, dass das Internet für den Normalnutzer überhaupt beherrschbar wird. Sie strukturieren die für viele unüberschaubare Vielfalt und filtern das aus dem Netz, was der User dann verarbeiten kann. Wir sind daher auf dem Weg – unmerklich, aber immer mehr – unsere digitale Selbstbestimmung gegen die Bequemlichkeit vordefinierter Inhalte zu tauschen. Die Social Trademarks und die digitalen Supermächte geben uns eine Ordnung vor, der wir zum Teil bedenkenlos folgen.

Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir uns einmal in Ruhe die richtigen Fragen überlegen, statt sofort nach Antworten zu googlen, die uns doch nur lähmen, weil sie noch mehr Informationen anbieten?

  1. Nutzen wir das Netz bewusst und sind wir uns schon dabei selbst bewusst?
  2. Verstehen wir die Systeme, die das Internet normieren?
  3. Welche Aufgabe hat das Internet eigentlich? Soll es uns bilden, unsere Arbeit erleichtern, oder Menschen vernetzen?
  4. Brauchen wir denn wirklich die digitalen Supermächte, um eine Ordnung ins Informationschaos zu bringen?

Keine Frage: Der digitale Mensch entsteht.

Die digitale Gesellschaft hat ihre eigenen Regeln, von denen ich oben ein paar “bemerkenswerte” Beispiele gegeben habe. Die nächste Generation von Geräten, die uns noch tiefer in die digitale Welt hineinführen werden, steht bereits ante portas. Aus dem internetnormierten Menschen wird bald der digitale Mensch werden. Sind wir wirklich darauf vorbereitet oder müssen wir die Epoche des digitalen Menschen unbewusst erleben?

Retweets

Jetzt tweeten

Kommentare zu "Die Intensität von Social Media oder das neue digitale (Er-)Leben"

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Amadeus Wiesensee 4. Februar 2014 um 17:01 Uhr (Antworten)

Zwei Kommentare dazu:

Erstens: Medienwandel, im Sinne der Kultursoziologie verstanden, ist grundsätzlich nicht mehr als ein Wandel von Kommunikationspotentialen. Das Internet im Speziellen mit seiner Erweiterung der Handlungspotentiale, sodass Medien sich zu menschlichen Lebens-Räumen wandeln, in denen auch Öffentlichkeit und Demokratie Bedeutung erlangen, ist (als Technologie) ja „unschuldig“ im Sinne von „frei von normativer Zuschreibung“.

Die Frage wäre daher weniger: „Wie hat uns Social Media verändert?“, als viel eher: „Wie hat Social Media unsere Handlungspotentiale verändert?“, und ebenso: „Wie haben wir Social Media verändert?“ – letzteres unter der Prämisse, dass Technologien keine inhärenten Eigenschaften haben, aus denen ihre sozialen und kulturellen Bedeutungen (sowie Gebrauchsweisen!) vollständig ableitbar wären. Damit wäre die menschliche Freiheit auch in der digitalen Sphäre angemessen ernst genommen.

Zweitens: eher ein Meta-Problem, das mir aus bewusstseinstheoretischer Sicht dennoch Sorge bereitet, ist: „The internet is over“, wie der Guardian schon 2011 konstatierte – das Verschwinden der klaren Trennlinie zwischen „realem“ Leben und „virtueller“ Realität (mit überaus realer Kommunikation) führt dazu, dass das World Wide Web als Analyseobjekt verschwindet, sodass man es nur verstehen kann, wenn man anschaut, was die User daraus machen. Eine logische Konsequenz, aber der Mangel einer prospektiven Verantwortungsperspektive, zusammen mit dem Nicht-Schritt-halten-Können der Politik, will mir nicht sehr gefallen; was meine grundsätzlich positive Anschauung aber nichtsdestotrotz nur wenig trübt!

Jean-Paul Hinz 5. Februar 2014 um 9:50 Uhr (Antworten)

“Du bist mir wichtig” ist die zentrale Aussage in funktionierenden Netzwerken.“ Du bist mir wichtig ist die zentrale Aussage in allen menschlichen Beziehungen. (vgl Berne, Eric, Transaktionsanalyse weiter unten), aber das nur als Ergänzung ;)

Ich sehe ein Problem bei allen Freundschafts-basierenden Netzwerken wie FB oder Twitter: Zensur. Aber nicht nur die staatliche, sondern eben jene Filterfunktion.

Menschen umgeben sich, real oder virtuell (wenn man diese Unterscheidung immer noch machen will) mit Menschen die ähnliche Meinungen und Werte wie sie selbst haben. So weit, so gut.

Ich vermisse, grad im Social Media Bereich immer mehr die Diskussionen die daraus enstehen das Menschen mit unterschiedlichen Meinungen aneinander geraten. In vielen Foren sieht man das noch. In den meisten Sozialen Medien kann ich mir heute unbequeme Meinungen ausblenden/wegfiltern/entfollowen etc. Über staatliche Zensur wird geschimpft, eigene Zensur wenden wir täglich an.

Ich sehe hier eine Gefahr die Vielfältigkeit des Internets zu verlieren und nur zu der eigenen Selbstbestätigung zu nutzen.

Link zur TA:
http://www.germanistik-kommprojekt.uni-oldenburg.de/sites/1/1_10.html

Ibo 5. Februar 2014 um 9:02 Uhr (Antworten)

Amadeus, ich freu mich sehr, dass Du bei mir kommentierst :)
Und ja, beide Punkte richtig. Es ging mir eher um meine aktuelle Sicht auf das Thema.

Anna-Lena Radünz 5. Februar 2014 um 13:44 Uhr (Antworten)

Danke für den tollen Artikel! Er hat mich inspiriert diesen Artikel zu schreiben:
http://www.anna-lena-raduenz.de/10-jahre-facebook-das-digitale-ueberleben/

Verpasse keine weiteren Inhalte und folge mir auf meinen Social-Media-Kanälen